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Yonah

Bereits im Jahr 1841 wurde in Augsburg eine deutschsprachige Untersuchung zum Fall veröffentlicht. Der vollständige Titel lautete: Der große Prozeß gegen die Juden in Damaskus wegen Ermordung des P. Thomas und seines Dieners daselbst. Eine populäre, kurzgefasste Darstellung dieses wichtigen Ereignisses, nebst einigen Aufschlüssen über den Talmud, und einem Versuch der Beantwortung der Frage: „ob die Juden zu religiösen Zwecken wirklich Menschen- oder Christenblut gebrauchen.“ Der Name des Verfassers dieser Untersuchung wurde lediglich mit Yonah angegeben und insofern anonymisiert. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass der Schreibstil phasenweise in den Plural wechselt, was auf eine Gruppe von Verfasser*innen hindeuten könnte, darüber hinaus liegen keine weiteren Informationen zur Urheberschaft vor.
Anfangs wird betont, dass ein Anspruch auf Neutralität existiere und mit dem Text lediglich „eine Zusammenstellung der verschiedenen Ansichten und Behauptungen, und zugleich eine Anführung dessen, was ältere und neuere Schriftsteller über den Gebrauch von Christenblut durch die Juden, geschrieben haben“1 angeboten werden sollte. Es sei die Absicht der Übersetzung gewesen, den Leserinnen und Lesern die Entscheidung am Ende der Ausführungen selbst zu überlassen. Trotzdem heißt es in der Einführung recht offensichtlich: „Ohne also wirklich ein Urtheil über diesen Gegenstand zu fällen, hoffen wir jedoch so viel Licht über die Sache zu verbreiten, daß es dem Leser leicht wird, selbst ein Urtheil zu fällen, das aber nicht gar günstig für die Juden seyn möchte.”2
Es wird zwar klargestellt, dass – trotz gründlicher Nachforschungen – weder im Talmud, noch in den Schriften der Rabbiner Hinweise auf die Anwendung von Christenblut zu religiösen Zecken gefunden werden konnten und somit die Ritualmordvorwürfe als tendenziell unwahrscheinlich einzustufen seien; auch werden Positionen in den Text miteingebracht, welche die Verfolgung verurteilten und sich mit der jüdischen Gemeinde in Damaskus solidarisierten. Die Folterungen werden geschildert und teils auch abgelehnt. An anderer Stelle heißt es allerdings auch: „Es kann nicht in Abrede gestellt werden, – daß barbarische Mittel angewendet worden sind, um die des Verbrechens verdächtigten Juden zum Geständniß jener Gräuelthat zu bringen, die nur zu sicher von ihnen begangen worden zu seyn scheint.“3 Aussagen wie diese, die regelmäßig vorkommen, implizieren die Schuld der Juden und Jüdinnen.
Bei der Lektüre fällt auf, dass die inhaltlichen Schwerpunkte der Überlieferungen solche darstellen, die von antisemitischen und rassistischen Ressentiments durchdrungen waren.
So wird im Text beispielsweise viel Raum für Mutmaßungen gegeben, ob ein grundsätzlicher Hass auf Christen seitens der Juden bestehe, oder für die Vermutung, dass Bestechungen und Einflussnahme auf die Politik am Ende ausschlaggebend für den Freispruch gewesen sein könnten. Darüber hinaus wird spekuliert, ob es im Judentum Brauch sei, Menschenblut zu nutzen, um es beispielsweise gebärenden Frauen während der Wehen zur Stärkung zu reichen. Es wird zudem eine Liste von Veröffentlichungen antisemitischer Autoren aufgeführt, welche den Mythos vom Ritualmord durch die jüdische Glaubensgemeinschaft zu beweisen suchen.
Der oder die Verfasser schließen sich immer wieder tendenziell den Vermutungen an, dass zumindest in der Auslegung und -lebung des orientalischen Judentums Belege dafür zu finden seien, dass menschliches Blut für religiöse Riten gebraucht werde. Durch den gesamten Text zieht sich eine verfestigte rassistische Komponente, indem wiederholt die Behauptung aufgestellt wird, dass die jüdische Gemeinschaft im Nahen Osten, im Vergleich zu den europäischen Jüdinnen und Juden, weniger zivilisiert, gebildet seien und dadurch zu religiösem Fanatismus neigen würden.

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