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Die Damaskusaffäre und der Nationalsozialismus

Nachdem die meisten Ritualmord-Narrative zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Hintergrund geraten waren, begannen die Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme damit, antisemitische Ritualmordlegenden für propagandistische Zwecke zu nutzen. Sie nutzten diverse Verlage und Publikationen, um die Öffentlichkeit mit antisemitischen Verleumdungen zu indoktrinieren. Die Hetzschrift Der Stürmer veröffentlichte bereits im Jahr 1934 Artikel und Karikaturen, welche die Ritualmordlegenden aufgriffen, um damit Stimmung gegen die Juden in Deutschland zu machen. NS-Propagandisten erkannten rasch die Wirkung der Ritualmordlegende von Damaskus und deren weltweite Auswirkungen. Zudem war die Intervention der Rothschild-Familie in der Damaskusaffäre ein willkommenes historisches Fundstück, um die vermeintliche Einflussnahme des sogenannten „Finanzjudentums“ bis in die entlegensten Regionen der Welt zu dokumentieren. 1937 publizierte Gerhard Utikal als Beauftragter des Führers für die weltanschauliche Schulung der NSDAP und Mitarbeiter Alfred Rosenbergs in Berlin eine Schrift über „jüdische Ritualmorde“. Darin dokumentiert er akribisch historische Fälle von Ritualmordanklagen, vom Römischen Reich bis in die Sowjetunion; auch die Damaskus-Affäre von 1840 wird genannt. Utikal klassifiziert den Mord an Pater Tomaso als historischen Fakt und bezeichnet die Mitglieder des Untersuchungskomitees der europäischen Juden unter Führung von Crémieux und Montifiore als Freimaurer. Die Freilassung der Angeklagten wertet der Nationalsozialist Utikal als einen fatalen Fehler der arabischen Behörden.1
Der Historiker Hellmut Schramm gilt als ein weiterer wichtiger NS-Ideologe, der sich in Form einer Synthese mit dem Thema befasst hat. Seine 1943 erschienene Schrift „Der jüdische Ritualmord – eine historische Untersuchung“ bestätigt genauso wie Utikals Hetzschrift die Verschwörungstheorie weltweiten jüdischen Ritualmorden. Die angeklagten Damaszener Juden werden von Schramm als bluthungrige Meuchelmörder stilisiert und der Pascha und seine Schergen paradoxerweise zu rechtschaffenen Staatsdienern. Dass die Geständnisse der Angeklagten unter schwerer Folter erzwungen wurden, wird von Schramm mit keinem Satz erwähnt. Ferner behauptet er, dass alle Prozessakten und Dokumente zu diesem Fall aus den Archiven verschwunden seien. Die von vatikanischen Pressestellen veröffentlichten belastenden Fabrikationen hingegen werden von Schramm als authentische historische Dokumente gewertet.2
Das Vorwort in Schramms Werk wurde von Johann von Leers, einem der glühendsten Vordenker des nationalsozialistischen Antisemitismus verfasst. Nach dem Krieg floh er wie viele andere hochrangige NS-Verbrecher nach Ägypten. Dort konvertierte er als „Omar Amin“ zum Islam und verfasste weiterhin antisemitische Propagandaschriften. Gefördert vom ägyptischen Militärdiktator Gamal Abdel Nasser propagierte von Leers die jüdische „Barbarei“, Rassenhass und den Ritualmord nicht mehr als religiösen Brauch, sondern als festen Bestandteil einer jüdischen DNA.3 Seine Werke wurden in Ägypten von arabischen Neofaschisten und der islamistischen Muslimbruderschaft gleichermaßen frenetisch bejubelt, welche in von Leers einen ausländischen Experten in ihrem Kampf gegen den neu gegründeten israelischen Staat sahen.4
Nicht jede Studie zum “jüdischen Ritualmord” der NS-Zeit wurde auch publiziert. Hans Jonak von Freyenwalds Werk blieb Manuskript. Der Wiener Schriftsteller und Publizist widmete sich aus dem vorzeitigen Ruhestand jahrzehntelang seinem zentralen Anliegen: der “Judenfrage”.5 Besessen von der als allgegenwärtig empfundenen Bedrohung durch das Judentum, versteht er sein 232-seitiges Werk als umfassende Synthese zu diversen jüdischen Opferkulten, Blutriten und Geheimlehren. Jonaks ideologische Grundlage wird gebildet durch einen Synkretismus des mittelalterlichen Antijudaismus mit christlicher Konnotation und dem rassenideologischen Antisemitismus seiner Zeit.

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