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A. von Morell

1843 erschien in Nürnberg die deutschsprachige Übersetzung arabischer Aktenstücke im Zusammenhang mit den Ritualmord-Vorwürfen gegen die jüdische Bevölkerung von Damaskus. Zuvor waren die Schriftstücke im Feuilleton der französischen Zeitung l’Univers, eines katholischen Journals, erschienen. Die einflussreiche Tageszeitung zählte zur ultramontanen katholischen Presse und unterstützte das Vorgehen der französischen diplomatischen Delegation in Damaskus unter Ratti-Menton, dessen Berichte sich unter anderem in der Veröffentlichung finden.
Als Autor ist der Name A. v. Morell angegeben, wobei es sich möglicherweise um ein Pseudonym handelt, da keinerlei biografische Informationen oder andere Bezüge zum Leben oder Wirken einer solchen Person zu finden waren. Die Motivation des Verfassers, eine Zusammenstellung von Zeugenaussagen zu übersetzen und herauszugeben, wird durch diesen selbst im Wesentlichen auf den Umstand zurückgeführt, dass bis zur Veröffentlichung von Morells‘ Publikation bereits drei Jahre lang seitens der Behörden versäumt worden sei, der deutschsprachigen Gesellschaft umfangreichere Einsicht in die offiziellen Dokumente zu ermöglichen. Da in ganz Europa großes Interesse an den Geschehnissen bestand, bemühte sich der Herausgeber laut eigener Aussage um eine sorgfältige Übersetzung des neuerlich zugänglichen Materials.
Allerdings bildet diese Publikation nur einen Ausschnitt der Verhörprotokolle ab und weist wiederholt inhaltliche Lücken auf, welche im Text selbst allerdings als solche gekennzeichnet werden. Auch in dieser Schrift finden sich neben den erpressten Geständnissen sowie deren Widerrufung verfälschte Talmud-Zitate. Es bestehen keine verlässlichen Informationen über den Ursprung der Quellen und auch ein Beweis für die Authentizität der Schriftstücke wurde nicht erbracht. Morell merkt zwar an, dass sich die Unterlagen – seines Erachtens nach – durch Echtheit auszeichnen, doch stellt er zugleich klar, dass in den von ihm bearbeiteten Akten wesentliche Aspekte der Ermittlungen ausgelassen worden seien. So finden sich in dieser Version keine Schilderungen der brutalen Folterungen, denen die Beklagten ausgesetzt waren. In später publizierten Übersetzungen war dies durchaus der Fall. Aber nicht nur werden die Grausamkeiten an den Gefangenen in dieser Ausgabe nicht thematisiert. Da der Unterton stets tendenziös antijüdisch ist, gäbe es nach der Lektüre dieser Darstellung der Geschehnisse für manche Leser*innen vermutlich kaum Zweifel daran, dass die Beschuldigten Pater Tomaso und dessen Diener tatsächlich ermordeten; und dies, wenn den Ausführungen Glauben geschenkt würde, aufgrund eines quasi genuinen jüdischen Hasses auf Christ*innen, aus purer Niedertracht und zum Zwecke blutrünstiger religiöser Riten.

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