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Zeitgenossen melden sich zu Wort

In den Jahren und Jahrzehnten nach den Ereignissen in Damaskus erschienen Dokumente zum Fall in verschiedenen Editionen, darunter in deutschen, französischen, englischsprachigen, italienischen und russischen Übersetzungen. 1840 wurden in ganz Europa Spenden für die Angeklagten gesammelt und öffentliche Gegenmaßnahmen koordiniert. Vor allem in Frankreich und England war es um die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Juden besser bestellt, vor allem dort wurde die politische Gegenwehr organisiert.
Die Idee, dass der Fall eines rituellen Mordes im Zusammenhang mit den beiden Vermissten von Damaskus endgültig bewiesen und die Gefangenen nur aus politischen Gründen oder aufgrund von Bestechung freigelassen worden waren, verfestigte sich. Sie entwickelte sich zu einem Schlüsselthema, das in einer Reihe antisemitischer Zeitschriften und Bücher ausführlich wiederholt wurde. An dieser Stelle sollen besonders fünf Untersuchungen zum Fall, aus Augsburg, Frankfurt und Leipzig (1841), Nürnberg (1843) und Paris (1846) näher behandelt werden. Da man internationale Nachrichten voneinander abschrieb, bestimmte der von der französischen Presse gesetzte negative Ton schnell die europäische Debatte. Um die Sensationslust der Leserschaft zu befriedigen, kam es zur Fabrikation von gefälschten Talmud-Stellen.
Die Krise erreichte die internationale Politik. Denn als der französische Konsul Ratti-Menton im Verein mit dem Damaszener Gouverneur Sherif Pasha die ungeheuerlichen Anschuldigungen erhob, war Syrien eine Provinz unter der Herrschaft des abtrünnigen osmanischen Offiziers und Vizekönigs Muhammad Ali. Dieser hatte von Alexandria aus die Zentralgewalt des Sultans in Istanbul herausgefordert. Hinzu kam, dass der österreichische Konsul, Caspar Merlato, auf Konfrontationskurs zu seinem französischen Kollegen ging und die Anklage in Zweifel zog. Er meldete seinen Vorgesetzten in Alexandria das Verhalten Ratti-Mentons und berichtete von den grausamen Verhörmethoden. Das Dossier gelangte schließlich an die französische Presse, auch Heinrich Heine griff Merlatos Bericht auf. Die meisten der Angeklagten wurden festgenommen, aber einer von ihnen, Isaac Levi Picciotto, war österreichischer Staatsbürger und stand damit unter dem Schutz des österreichischen Konsuls. Seine Staatsbürgerschaft führte schließlich zur Einmischung Österreichs, Englands und der Vereinigten Staaten in die Affäre.
Den britischen Unternehmer und Philantropen Moses Montefiore und den französischen Juristen Adolphe Crémieux empörten die Meldungen derart, dass sie Anfang August mit einer jüdischen Delegation – zu deren Mitgliedern neben dem Franzosen und dem Briten ebenfalls dessen Ehefrau Judith Cohen Montefiore, sein Sekretär Louis Loewe sowie Solomon Munk gehörten – aus Europa nach Alexandria reisten und von Muhammad Ali empfangen wurden. Durch internationalen Druck wurden die osmanischen und ägyptischen Behörden tätig. Im August verfügte Muhammad Ali in Alexandria die Freilassung der letzten Gefangenen.