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Scholem Alejchem: Der blutiger shpas (1913)

Die Bejlis-Affäre beschäftigte auch den jüdischen und jiddischsprachigen Schriftsteller Šolem Jankev Rabinovič, bekannter unter seinem Pseudonym Scholem Alejchem [dt. Friede sei mit Euch]. 1859 in der Nähe von Kiev geboren, floh er 1905 vor den Pogromen1 und verstarb 1916 in New York.2 Eines seiner letzten Werke, Der blutiger shpas – a oysergevehnlikher roman [dt. Der blutige Spaß: ein außergewöhnlicher Roman], schrieb er zwischen 1912 und 1913 unter den Eindrücken der Bejlis-Affäre. Später wurde daraus ein beliebtes Theaterstück, das den Titel Shver tsu zayn a yid [dt. Es ist schwer ein Jude zu sein] trug. Der Roman wurde ins Russische (1928) und Englische (1991) übersetzt, das Theaterstück vielfach aufgeführt, vor allem in den USA und Osteuropa. Während Aliza Shevrin zu Beginn der 1990er an der Übersetzung des Romans ins Englische arbeitete, kam erneut eine verstärkte antisemitische Stimmung in Osteuropa auf – Blutbeschuldigungen eingeschlossen.3 Und heute? Erst im November 2019 wurde die Scholem-Alejchem-Statue in Kyїv mit Hakenkreuzen besprüht.4
In dem Roman geht es zunächst um zwei Freunde, die beschließen, für ein Jahr ihre Identitäten zu tauschen. Der russische Freund, Grigorij Popov, welcher nun unter dem Namen seines jüdischen Freundes, Herschl Rabinovič, lebt, kommt bei einer jüdischen Familie, den Schapiros, unter, als er nach einem Studentenzimmer sucht. Wiederholt erfährt er die Diskriminierung von Juden und Jüdinnen im zaristischen Russland am eigenen Leib. Dabei rückt im Verlauf der Geschichte ein Thema verstärkt in den Vordergrund: der Ritualmordvorwurf. Obwohl Popov, nun Rabinovič, sich als tolerant versteht und solchen Vorurteilen keinen Glauben schenken mag, wird er von diesen dennoch beeinflusst. Ausgerechnet zu dieser Zeit, um Purim herum, und damit nicht lange vor Pessah, wird die Leiche des christlichen Nachbarsjungen, Volod’ka Čigirinskij, gefunden. Schnell beginnt die mediale Verbreitung der Ritualmordlegende, allen voran geht die Hetzschrift Dvuglavyj Orёl″ [dt. Zweiköpfiger Adler].
Während Alejchem den Roman schrieb, verfolgte er die Berichterstattung rund um die Bejlis-Affäre sehr intensiv. Er verarbeitete einige der Berichte in seiner Geschichte und deckte den antisemitischen Ton auf, welcher durch etliche Zeitungen unterschiedlicher politischer Couleur hinweg mal offensichtlicher, mal unterschwelliger bestand.
Das Pessahfest nähert sich. Popov-Rabinovič geht mit den Schapiros Matzen backen. Er beobachtet alle Vorgänge ganz genau. Erleichtert und zugleich beschämt stellt er fest, dass die Matzen selbstverständlich ohne jegliches Blut zubereitet werden. Zeitgleich muss sich sein jüdischer Freund, welcher als Tutor bei einer reichen russischen Familie angestellt ist, anhören, wie schrecklich Juden doch seien und dass man im Fall Čigirinskij von einem Blutmord überzeugt sei. Die Situation verschlechtert sich weiter, es drohen Pogrome – die Polizei ist ebenfalls von einem Ritualmord überzeugt. Schnell geraten die Schapiros ins Visier der Polizei, es folgen Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Am Ende bleibt Popov-Rabinovič als Hauptverdächtiger in Haft und wird vor Gericht gebracht. Alejchem baut auch hier Elemente der Bejlis-Affäre in seine Geschichte ein, beispielsweise ein antisemitisches psychologisches Gutachten, wie es Ivan Sikorskij verfasst hatte.
Ein entlassener Polizeidetektiv, häufig mit Sherlock Holmes verglichen, deckt den Mord auf: Eine kriminelle Bande hatte Volod’ka, welcher von ihren Machenschaften mitbekommen hatte, ermordet und die Tat durch 49 Stichwunden wie einen ‚Ritualmord‘ aussehen lassen. Diese Informationen ändern jedoch nichts am Prozess gegen Popov-Rabinovič; Der Detektiv wird stattdessen verhaftet. Anders als bei dem echten Fall kommt der Verdächtige jedoch schon gleich bei Prozessbeginn frei, da „der blutige Spaß“ der zwei Freunde rechtzeitig aufgelöst wird. Für die Antisemit*innen ist dies eine große Niederlage; trotzdem finden sie, wie immer, einen Weg, die Situation als einen vermeintlich jüdischen Trick zu interpretieren. Die jüdische Bevölkerung aber jubelt. Alejchem fügte am Ende noch sarkastisch hinzu, es gäbe schließlich auch einen Grund zum Feiern, denn nun, im 20. Jahrhundert, wüssten endlich alle, dass Juden keine Kannibalen seien.5

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