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Der Angeklagte: Mendelʼ Bejlis

Menachem Mendelʼ Bejlis wurde des Ritualmordes an Andrej Juščinskij beschuldigt. Er kam aus einer chassidischen Familie, war aber selbst nicht streng religiös. Freitagabends hielt er zwar den Schabbat, samstags ging er jedoch wie gewohnt zur Arbeit. So auch an jenem Tag, an dem Andrej verschwand.
Bejlis arbeitete in der Zajcev-Ziegelfabrik in Kiev und lebte mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in unmittelbarer Nähe. Das Gebiet lag außerhalb des, für jüdische Menschen vorgesehenen, Ansiedlungsrayons, doch dank seines Arbeitgebers erhielt er eine Aufenthaltserlaubnis.1 Von seinen christlichen Kolleg*innen und Nachbar*innen wurde Bejlis sehr geschätzt, selbst von den antisemitisch eingestellten. Nachdem Andrejs Leichnam gefunden worden war, kam ein Nachbar und Mitglied der Schwarzen Hundertschaft zu Bejlis und machte ihn auf den Bericht über einen angeblichen jüdischen Ritualmord in der Zeitung der Organisation aufmerksam. Bejlis dachte damals nicht weiter darüber nach.2
Kurz darauf geriet er ins Visier der Polizei. Am 4. August 1911 folgte dann seine Verhaftung. Bei der Befragung auf der Station verärgerte er die Polizei durch seine Antworten, die nicht zu dem antisemitischen Narrativ passten. Bejlis wurde danach ins Gefängnis überstellt. Auf dem Weg dahin erkannte ihn Vera Čeberjaks Vermieter, ebenfalls Mitglied der Schwarzen Hundertschaft, und begrüßte ihn herzlich. Er sagte zu Bejlis, er solle sich keine Sorgen machen, denn die Wahrheit würde ans Licht kommen. Im Gefängnis wurde Bejlis schikaniert, immer wieder „Blutsauger“3 genannt und musste etliche Kommentare über Juden, Blut und Matzen ertragen. Einige Insassen solidarisierten sich mit ihm, andere verletzten ihn sogar körperlich. Nach acht Monaten bekam er zum ersten Mal Besuch von Oskar O. Gruzenberg (1866–1940), einem seiner Anwälte. Solche Momente gaben Bejlis immer wieder Kraft, die Provokationen, Intrigen, Mordversuche und schrecklichen Bedingungen im Gefängnis auszuhalten. Er sah es als seine Pflicht an, zu überleben, damit das jüdische Volk von der Blutbeschuldigung befreit und vor Pogromen geschützt werden könne.
Schließlich erhielt er nach mehrmaligem Verschieben des Prozessauftakts die Anklageschrift. Über zwei Jahre Warten auf den Prozess hatten ein Ende. Um das Gericht waren Tausende von Menschen versammelt, was Bejlis bei seiner Ankunft überwältigte. Bei einem Gespräch mit seinem Anwalt Nikolaj B. Karabčevskij schöpfte er neue Hoffnung. Doch die Aussagen der Experten sowie der Zeuginnen und Zeugen scheinen ein Gefühlschaos bei Bejlis ausgelöst zu haben: Einerseits waren die Aussagen gegen ihn teilweise so absurd, dass selbst Bejlis in seiner ernsten Lage mit dem Publikum lachen musste, andererseits schüchterte ihn die Situation wohl auch ein.4 Stets war er auf die Jury fixiert, schließlich entschied diese über sein Schicksal. Oft fragte er sich, was die einfachen Bauern wohl dachten, ob sie voreingenommen waren und, trotz der handfesten Beweise gegen Čeberjaks Bande, an die Ritualmordlegende glauben wollten. Er konnte nicht nachvollziehen, dass er auf der Anklagebank saß, während Čeberjak als Zeugin aussagte. Am letzten Prozesstag kam Bejlis zu Wort, doch konnte er vor Erschöpfung nicht viel sagen, außer dass er unschuldig sei. Als die Jury ihn schließlich für unschuldig erklärte, brach er in Tränen aus.
Nach dem Freispruch sollte er, um Angriffe auszuschließen, noch eine Nacht im Gefängnis bleiben. Doch Bejlis fuhr heim. Sein Haus wurde stark bewacht und verwandelte sich in eine Touristenattraktion. Jeden Tag kamen tausende Menschen. Er beschrieb sein Zuhause in dieser Zeit als „Blumengarten“ und „Süßwarenladen“.5 Bejlis war für die Aufmerksamkeit dankbar, doch war er auch völlig erschöpft. Zudem erhielt er immer wieder Drohbriefe der Schwarzen Hundertschaft. Daher beschloss er 1914 mit seiner Familie in das Mandatsgebiet Palästina auszuwandern. Aufgrund finanzieller Sorgen verabschiedete er sich schon bald von seiner neuen Heimat und ging 1921 in die Vereinigten Staaten. Er verstarb 1934 in New York. An seiner Beerdigung nahmen mehr als 4.000 Menschen teil.6

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