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Die Anklage

Die Anschuldigung gegen Mendel’ Bejlis ist durch antisemitische Akteure geprägt und vertreten worden. Die Auswahl der Ankläger, also des Staatsanwaltes und seiner Kollegen, sowie die des Richters wurde gezielt getroffen, um eine Verurteilung im Sinne des Ritualmordvorwurfs zu erreichen. Die Anklageschrift gibt bereits einen Einblick darin, wie versucht wurde, die antijüdische Legende zu verbreiten. Die Anklage wurde in zwei unabhängig voneinander zu beurteilende Fragen aufgeteilt; der nach der individuellen Schuld des Mendel’ Bejlis und der nach der Bewertung der Tat als vermeintlich jüdischen Blutmord. Die Ankläger stützten sich primär auf Zeugenaussagen, deren Glaubwürdigkeit deutlich anzuzweifeln war.1 Die Teilung der Schuldfrage, eine verbreitete Praxis im Zarenreich, kann als Versuch gesehen werden, eine vollständige Niederlage der Ankläger zu vermeiden.2 Eine der treibenden Kräfte hinter der Anklage war Justizminister Ivan G. Ščeglovitov (1861-1918), welcher die Weichen für den Prozess stellte.
Vertreten wurde die Anklage durch den Staatsanwalt Oskar Ju. Vipper (1870-[1920]), welcher am Petersburger Justizpalast tätig war. Vipper war als Antisemit bekannt, was ein Grund für seine Berufung als Ankläger an das Kiever Gericht durch den Justizminister gesehen werden kann. So sollte sichergestellt werden, dass die haltlose Blutbeschuldigung mit dem nötigen Nachdruck verfolgt wurde.3 Während der Verhandlung fiel er immer wieder durch antisemitische Äußerungen auf, die schließlich in seinem Schlussplädoyer kulminierten. Hier fantasierte er von fanatischen jüdischen Sekten, die angeblich christliches Blut für rituelle Zwecke benötigten und von jüdischer Macht, die die Presse kontrolliere und so verhindern wolle, dass ein Prozess gegen Mendelʼ Bejlis geführt werden konnte. Wegen seiner Rolle im Prozess wurde Vipper 1919 von den Bol’ševiki zu einem Jahr Haft verurteilt, welches er nicht überlebte.4
Neben den Zeugenaussagen wurden auch Gutachten erstellt, welche die Anklage und die Blutbeschuldigung stützen sollten. Als Sachverständige beauftragte die Anklage den katholischen Priester Justin B. Pranaitis (1861-1917) aus Taschkent als vermeintlichen Experten in Talmudfragen und zur religiösen Praxis des Judentums sowie den russischen Psychiater Ivan A. Sikorskij (1842-1919). Beide waren bekannt für ihre antisemitischen Ressentiments. Sikorskij forschte besonders gerne an Menschen, denen er stark ausgeprägte sogenannte Rasseeigenschaften zusprach und versuchte so, eine erdachte Degeneration von Juden nachzuweisen.5
In dieser klar antisemitischen Manier ist auch sein Gutachten zu sehen, das von internationalen Experten als unwissenschaftlich und vorurteilsbehaftet gesehen wurde. So spricht Sikorskij von „Rasserachsucht“ und führt als Beleg für das Vorhandensein jüdischer Ritualmorde andere Fälle an, in denen Juden diesem Vorwurf ausgesetzt waren. In den angeführten Fällen wurden die Beschuldigten jedoch freigesprochen. Justin Pranaitis steht in einem ähnlichen Licht. Bereits 1892 veröffentlichte er ein Pamphlet (Christianus in Talmude Iudaeorum sive Rabbinicae doctrinae de Christianis secreta, auf Deutsch 1894 unter Das Christenthum im Talmud der Juden oder die Geheimnisse der rabbinischen Lehre über die Christen erschienen), in welchem er nachzuweisen suchte, dass im Judentum der Hass auf Christen ebenso verankert sei, wie das Gebot, ihnen zu schaden. Pranaitis ist mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, unter anderem wegen Betrugs.6 Vor Gericht wurde sein Unwissen über sein angebliches Fachgebiet deutlich. Mehrere Fragen der Verteidigung zu grundlegenden Texten des Judentums konnte er nicht beantworten.7 Weiterhin behauptete er, dass die „Vernichtung der Christen“ elementarer Teil der talmudischen Lehre sei. Das Berufen dieser beiden Sachverständigen zeigt deutlich, wie mit Gutachten unterschiedlicher Disziplinen versucht wurde, die Legende der jüdischen Blutbeschuldigung zu untermauern.
Auch Richter und Jury stechen in dem Gerichtsverfahren heraus. Fëdor A. Boldyrev, der vorsitzende Richter, wurde extra auf Empfehlung des Kiever Gouverneurs an das Gericht berufen, da ihm die richtige Gesinnung für eine erfolgreiche Ritualmordanklage zugesprochen wurde. Ihm wurde, sollte der Prozess im Sinne der Anklage zufriedenstellend verlaufen, vom Justizminister eine Beförderung in Aussicht gestellt, die er schließlich auch erhielt.8 Im Prozess wurde seine Befangenheit deutlich, die sich in einseitiger Zulassung von Sachverständigen und Beweismitteln zeigte.9 Auch in den Prozess gefährdende Zeugenbefragungen griff er ein.10
Unter den zwölf Geschworenen, die über das Schicksal Bejlisʼ zu entscheiden hatten, waren einige Mitglieder der antisemitischen Union des Russischen Volkes und auffällig wenig gebildete Bürger, wovon sich erhofft wurde, dass sie dem antisemitischen Narrativ folgten.11

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