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Paul Nathan

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Antisemitische Stimmen

Das Narrativ des jüdischen Ritualmordes im Fall des getöteten Andrej Juščinskij beschränkte sich nicht nur auf den russischen Sprachraum. Es wurde auch international von Antisemit*innen aufgegriffen und weiterverbreitet. Die Bandbreite antijüdischer Stimmen reicht hier von religiösen bis nationalistisch-rassistischen Akteur*innen. Sie alle eint das Feindbild des Juden, welches sie auch durch die Verbreitung der Ritualmordlegende aufrechterhalten. Vermittelt wurde die antisemitische Erzählung, je nach Schwerpunkt der Publikation, ganz unterschiedlich.
Die katholische französische Tageszeitung La Croix [dt. Das Kreuz] druckte Artikel über den Fall ab und bediente darin das antisemitische Narrativ. Sie berichtet beispielsweise über das Gutachten des Archimandriten Ambrosius, welcher versuchte darzulegen, dass Juden auf das Blut christlicher Kinder angewiesen seien und sich selbst über alle anderen Menschen erheben würden. Die haltlosen Vorwürfe lässt die Zeitung unkommentiert und weist nicht darauf hin, dass Ambrosius selbst zugab, dass er seine „Quellen“ nicht persönlich studiert hatte, also keine Fachkenntnis besaß und sein vermeintliches Wissen sich nur aus den Erzählungen anderer speiste.1 Auch verbreitete die Zeitung das Narrativ der weltweit vernetzten mächtigen Juden, die die Medien kontrollierten und diese unter Druck setzten, um eine pro-Bejlis Berichterstattung zu forcieren. Belegt wird diese Anschuldigung nicht, da diese angebliche Macht der Juden für die meisten Antisemit*innen völlig unstrittig ist.
Eine andere Herangehensweise verfolgt hingegen die Wiener Monatszeitschrift Kikeriki, welche als Satirezeitschrift herausgegeben wurde. Die Redaktion nahm sich des Themas auf eine „humoristische“ Weise an, so zumindest die Selbstdarstellung. Es erschienen Karikaturen, in welchen antisemitische Bildsprache, wie etwa die sogenannte Judennase, bedient wurde. Außerdem versuchte man auf unterschiedliche Weise, die breite Unterstützung, welche Bejlis erfuhr, verächtlich zu machen. Das Engagement Lord Rothschilds wird insbesondere herangezogen und sein Anschreiben an den Vatikan umgeschrieben. Es finden sich Verweise auf die Dreyfus-Affäre, die Ritualmordbeschuldigung gegen Hilsner sowie auf unterschiedliche biblische Geschichten. So wird der Anschein erweckt, als würden Juden für alles schlechte verantwortlich und stets darauf bedacht sein, ihre Unschuld zu beteuern und sich hierfür Unterstützung bei religiösen Autoritäten suchen. Weiterhin behaupteten die Verfasser, dass durch die „Juden-Presse“ die vermeintliche talmudische Tradition der rituellen Tötung geleugnet werde, was durch eine Karikatur bildlich dargestellt wird. Auch soll Bejlis mit dem Teufel im Bunde gestanden haben. Ein solches Narrativ findet sich bereits in mittelalterlichen antijüdischen Erzählungen.
Die Verbindungen zu anderen antisemitischen Narrativen werden auch bei der Preußischen Zeitung (Kreuz-Zeitung) deutlich. Hier finden sich vor allem Erzählungen, die dem modernen Antisemitismus zuzurechnen sind. Von geheimen, mächtigen Strippenziehern über eine jüdisch kontrollierte Presse, der Täter-Opfer- und Beweislastumkehr bis zu geheimen, fanatischen Sekten, findet sich eine breite Auswahl antisemitischer Narrative. Die Ritualmordbeschuldigung wird in der Zeitung lediglich als „Mäntelchen“ dafür gesehen, dass die Juden sich als Opfer darstellen und ihren Einfluss auf Presse und Öffentlichkeit damit ausbauen könnten.2 Weiterhin verweist auch diese Zeitung auf die Fälle von Xanten und Tiszaeszlár, wo einige Jahre zuvor Juden ebenfalls vorgeworfen wurde, rituelle Morde begangen zu haben.
Mit dem Ende des Prozesses endete die antisemitische Propaganda zur Bejlis-Affäre jedoch nicht. Selbst dessen Tod ließ die Anschuldigung nicht in Vergessenheit geraten. Auch Jahre später griff das nationalsozialistische Hetzblatt Der Stürmer den Fall erneut auf und verbreitete die Mär vom jüdischen Blutmord. Noch bis in die Gegenwart gibt es Personen und Gruppen, die Andrej als Märtyrer verehren, sein Grab besuchen und im Internet die Lüge von seiner rituellen Ermordung verbreiten. Einigkeit hierzu bestand unter Antisemit*innen jedoch nicht. Unter ihnen ist die Legende vom jüdischen Ritualmord keineswegs unumstritten. So wendeten sich einige öffentlich gegen die Anschuldigungen gegen Mendel’ Bejlis. Unter ihnen Werner Sombart (1863–1941), ein bekannter deutscher Antisemit und späterer Sympathisant des Nationalsozialismus.3

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