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Internationale Reaktionen

Die Bejlis-Affäre beschränkte sich nicht nur auf das russische Zarenreich, auch weltweit löste sie starke Reaktionen aus. Neben der internationalen Presse wurden auch prominente Einzelpersonen tätig, um sich gegen die Blutbeschuldigung und das Verfahren gegen Mendel’ Bejlis zu stellen.
Doch am Vorabend des Ersten Weltkriegs waren die politischen Akteure eher zurückhaltend, wenn es um die Verurteilung der zaristischen Politik ging. Die Entscheidungsträger im Deutschen Reich und in der Habsburgermonarchie waren besorgt, sie könnten durch zu vehement vorgebrachte Kritik den Zaren dazu bringen, sich den Entente-Mächten weiter anzunähern. Letztere – also Großbritannien und Frankreich – hingegen fürchteten, durch zu harsche Kritik den Zaren in die Arme Deutschlands und Österreich-Ungarns zu treiben. Alle Beteiligten hegten die Hoffnung, in dem sich durch Wettrüsten abzeichnenden Krieg das Russländische Imperium auf ihre Seite zu ziehen und damit einen weiteren starken Verbündeten zu haben. Das Zarenreich wurde so zu einem wichtigen und umworbenen Akteur in Europa. Sich mit ihm zu überwerfen, wollten sie nicht riskieren, schon gar nicht wegen einer, aus ihrer Sicht, jüdischen Angelegenheit.1
Aus diesem Grund unterstützte die deutsche Botschaft den Generalsekretär des Hilfsverein der deutschen Juden, Paul Nathan, auch nicht in seinem Bestreben, die von ihm veröffentlichen Gegengutachten der russischen Regierung vorzulegen. Die britischen Minister weigerten sich ebenfalls, einen Aufruf zugunsten Bejlis’ zu unterschreiben. Andere politische, kulturelle und religiöse Autoritäten unterzeichneten das Schreiben hingegen. In Frankreich gab es einen ähnlichen Aufruf, der von vielen bekannten Autor*innen und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens getragen wurde. Die Presse in allen drei Ländern berichtete unterschiedlich, es gab sowohl Artikel, die sich kritisch mit dem Prozess auseinandersetzten, als auch solche, die den antisemitischen Ritualmordvorwurf verbreiteten. In Großbritannien berichtete die Presse zwar überwiegend kritisch über den Prozess, verwendete jedoch eine gemäßigte Sprache, um die Beziehungen zur russischen Regierung nicht zu gefährden. Französische, insbesondere katholische Zeitungen hingegen berichteten überwiegend gegen Bejlis und nur wenige unterstützten ihn offen.2
Auch die medizinische Fachwelt bezog Stellung gegen die von den Sachverständigen der Anklage vorgelegten Gutachten. Mehrere Ärztekongresse äußerten sich kritisch, darunter der International Medical Congress in London sowie der Kongress der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte in Wien 1913. Einige internationale Wissenschaftler gingen sogar soweit, das psychiatrische Gutachten Sikorskijs als im Grunde nicht kritisierbar anzusehen; sie spotteten lediglich darüber.3 Auch das Gutachten des katholischen Priesters Justin Pranaitis erzeugte internationalen Widerspruch.4

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