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Der Märtyrerkult Andrej Juščinskijs

Am 27. März 1911 (9. April nach dem gregorianischen Kalender) wurde Andrej Juščinskij im Beisein vieler Anwesender in Kiev beerdigt.1 Schon damals existierte eine große Anteilnahme in weiten Kreisen der Gesellschaft, bedingt durch das junge Alter des Verstorbenen und die Todesumstände. Seitdem entwickelte sich ein regelrechter Märtyrerkult um Andrej, der sich vor allem um das angeblich rituelle Motiv seines Mordes dreht. Sowohl in antisemitischen, nationalistischen Kreisen als auch von Vertretern und Anhänger*innen der Russisch-Orthodoxen Kirche wird seinem Tod gedacht, seine Person zum Instrument antijüdischer Hetze gemacht.
Noch heute existiert Andrejs Grab auf dem Friedhof in Kyїv, welcher nun den Namen Deržavnij istoriko-memorialʼnij Lukʼjanivsʼkij zapovidnik [dt. etwa Staatlicher historischer Lukjanivskaer Friedhof] trägt. Über die Jahrzehnte hinweg wurden regelmäßig Veränderungen am Grab vorgenommen. So stellten 2006 unbekannte Nationalist*innen unter anderem eine Überdachung und ein Holzkreuz auf. Eine Marmortafel, die über Andrejs Schicksal aufklären will, enthält einen Ausschnitt aus der Anklageschrift, in dem seine Verletzungen beschrieben werden. Bis heute befindet sich diese Tafel an seinem Grab und hält die antisemitischen Anschuldigungen vom angeblichen Ritualmord wach. Auch an dem Ort, an dem am 20. März Andrejs Leiche aufgefunden wurde, steht heute ein großes russisch-orthodoxes Holzkreuz. Beide Orte entwickelten sich zu Pilgerstätten, an denen Besucher*innen Blumen ablegen und Kerzen anzünden. An seinem Todestag steigt die Zahl der Pilgernden sogar, berichtet wird von über 100 – die meisten von ihnen Nationalist*innen, Antisemit*innen, strenggläubige Christ*innen und Verschwörungstheoretiker*innen bzw. Verfechter*innen der Ritualmordlegende.2
Obwohl die Russisch-Orthodoxe Kirche sich offiziell von diesem Narrativ distanziert und Andrej Juščinskij durch sie weder besonders verehrt wird noch heiliggesprochen wurde, gibt es einzelne Mitglieder, die sich dazu bekennen. Ihre Autorität nutzen sie, um die Verleumdungen auf unterschiedlichen Kanälen zu verbreiten. Auch sind es vor allem Anhänger*innen der christlichen Kirchen, die den Kult um Andrej Juščinskij vorantreiben und ihm so eine verstärkt religiöse Bedeutung geben. Die Inschrift an Andrej Juščinskijs Grab und die Propagandaschriften, die vom Zeitpunkt seines Todes an veröffentlicht wurden, stammen somit von einzelnen Geistlichen, die nicht offiziell für die christlichen Kirchen sprechen, oder aber von weltlichen Personen.
Vor allem im Internet stößt man immer wieder auf Bittrufe und Verleumdungen durch gläubige Christ*innen oder Personen, die den Glauben nutzen, um eine antisemitische Hetze zu betreiben. Ohne die Existenz des Internets wäre der Kult um Andrej Juščinskij in diesem Umfang wahrscheinlich gar nicht möglich: Zuhauf lassen sich Kommentare oder Bilder finden, die Andrej gewidmet sind, ihn als Märtyrer ansprechen, ihn um Beistand bitten oder für seinen Seelenfrieden beten. Ein typischer Ausdruck, der dabei für Andrej verwendet wird, ist „der von Juden zu Tode“ bzw. „der von einem Juden zu Tode gequälte“. Diese Zuschreibung wird praktisch seit seiner Ermordung genutzt. Für das Narrativ und Andrejs Status als Märtyrer scheint es demnach entscheidend zu sein, dass er von einem Juden ermordet wurde und nicht, dass er generell einem grausamen Mord zum Opfer gefallen war. Der Umstand, dass Bejlis freigesprochen wurde und auch kein anderer jüdischer Täter bzw. keine andere jüdische Täterin je gefunden wurde, spielt für die Anhänger*innen dieses Kultes keine Rolle.

Exponate zum Thema


Videotitel: ,,Das Grab Andrej Juščinskijs, des von einem Juden zu Tode gequälten." Was der dem Video beigefügte Informationstext, der nicht direkt von einem „Ritualmord“ spricht, sondern diesen aufgrund der beschriebenen Verletzungen und des Fundortes der Leiche nur andeutet, stellt der Titel durch die Formulierung „des von einem Juden zu Tode gequälten“ klar. Der Kommentarbereich enthält sowohl antisemitische Anfeindungen als auch Gebete an Andrej Juščinskij. Quelle: Mogila Andreja Juščinskogo ot židom umučennogo.Video. Datierung: 2014: