Weitere Kapitel zum Thema:

Alejchem: „Der blutige Spaß”

Navigation: Kiev > Jüdische Reaktionen > Musikalische Verarbeitung

Verarbeitung der Bejlis-Affäre in jiddischsprachiger Musik

Das Lied Mendil Beylis Befreyung [dt. Mendel’ Bejlis Befreiung] gehört zu den unzähligen Yiddish Penny Songs, welche im New York des frühen 20. Jahrhunderts, zur Blütezeit des jiddischen Theaters, geschrieben wurden. Die Texte gaben viele Menschen bei sogenannten Coupletist*innen in Auftrag. Diese verfassten besonders mehrdeutige, politische oder gesellschaftskritische Liedtexte, die nicht selten ihren Weg ins Kabarett fanden. Meist wurde eine bereits bekannte und beliebte amerikanische Melodie für die Lieder verwendet, denn die jüdische Bevölkerung wollte an der amerikanischen Populärkultur teilhaben. Genau auf diese Art und Weise entstanden auch einige Lieder über Bejlis’ Schicksal.
Der vorliegende Liedtext sollte etwa mit der Melodie von „When the Warfield is Singing Margaret“ gesungen werden, was wiederum bereits eine Parodie des Originals „When the Whippoorwill Sings Marguerite“ von J. Fred Helf aus dem Jahr 1908, war. Der Kontrast zwischen dem düsteren Text und der recht kitschigen und eher fröhlichen Melodie wurde von jüdischer Seite wahrscheinlich gar nicht als solcher wahrgenommen. Es bestanden ganz andere Assoziationen zu Melodien. Der Verfasser des Liedes, ein Händler namens Sani Shapiro, verkaufte seine Werke für 5 Cent, wie auf einer Anzeige beworben. Vermutlich entstand das Lied um 1920 herum, also kurz vor Bejlis‘ Ankunft in New York.1
In dem Lied wird Bejlis mit Vorfreude im freien Amerika erwartet und es betont, dass seine Befreiung zu einem großen Teil ein Verdienst der amerikanischen Brüder sei, schließlich waren sie es, die einen großen Aufschrei gestartet und damit das „russische Schwein“ erschrocken hatten. Das zaristische Russland wird aus der jüdischen Perspektive als besonders grausam und brutal dargestellt. Im Refrain wird es als „Land von Pogromen und Blut“ besungen, welches Menschen vernichten wolle, nur weil sie den Namen Yid, also Jude tragen. Schließlich führten genau diese gefährlichen Umstände dazu, dass viele jüdische Menschen in die USA flohen. Trotz der Entfernung zu Russland und eines vergleichsweise sicheren Lebens in den Vereinigten Staaten wird Bejlis’ Schicksal als gemeinsames Leid verstanden und seine Befreiung als die Befreiung aller jüdischer Menschen der Welt gefeiert. Am Ende des Liedes wird aber ernüchternd erinnert, dass trotzdem auch weiterhin daran gearbeitet werden müsse, die Blutbeschuldigung endgültig aus der Welt zu schaffen.
Die zu dem Lied gehörige Zeichnung von Shapiro veranschaulicht die schwierige Situation der jüdischen Bevölkerung. Zu sehen ist zunächst ein Mann, welcher fragt: „Oh! Wann werde ich von dieser Leiche befreit werden?“. Die Leiche, von welcher der Mann spricht und an welche er gekettet ist, trägt den Namen ‘Antisemitismus’. Am Handgelenk des Skeletts hängt noch eine Kette mit dem Begriff ‘Rassenhass’. Das legt die Deutung nahe, dass Shapiro den Antisemitismus als die rassistische Unterdrückung versteht, zu welcher sich dieser in der Moderne, im Gegensatz zum Antijudaismus des Mittelalters stehend, immer mehr entwickelt hatte. Im Bildhintergrund ist die Zivilisation abgebildet, die völlig zerstört erscheint. Die Überschrift des Bildes lautet „das zwanzigste Jahrhundert“, wobei dies bewusst in Anführungszeichen steht. Schließlich blieb es gerade aus jüdischer Perspektive, und insbesondere mit Blick aus den USA, unbegreiflich, wie solch ein Ritualmordprozess in diesem ideell fortschrittlichen Zeitalter noch stattfinden konnte.2

Exponate zum Thema


Lied „Mendil Beylis Befreyung“ – Aufnahme von Jane Peppler und Aviva Enoch. Quelle: Lied, um 1920, Liedtexter: Sani Shapiro. Für die freundliche Genehmigung danken wir Jane Peppler (Chapel Hill, NC, USA), http://janepeppler.com/