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Das Narrativ

Andrej Juščinskij sei von Juden qualvoll ermordet worden. Diese hätten ihm zu rituellen Zwecken das Blut entnommen und ihn geopfert. Anschließend seien die Ermittlungen von ihnen behindert und eine Kampagne zur Belastung unschuldiger Christen begonnen worden. So lautet die antisemitische Interpretation des Verbrechens.
Kurz nach dem Auffinden der Leiche des jungen Andrej kamen Gerüchte auf, wonach Juden diesen angeblich zu rituellen Zwecken ermordet hätten. Der vermeintliche Täter, Menachem Mendel’ Bejlis, habe auf dem Gelände einer Ziegelfabrik spielende Kinder verjagt und dabei Andrej gefangen genommen. Die Ziegelfabrik, welche als Tatort galt, gehörte ebenfalls einem Juden. Zusammen mit einigen, teilweise von außerhalb angereisten Juden habe er den Jungen auf qualvolle Weise umgebracht. Andrej wurde eine Vielzahl Verletzungen zugefügt, wovon einige der Erlangung seines Blutes, andere schlicht der Zufügung von Qualen gedient haben sollen.1 Die Leiche ließen die Täter, so die antisemitische Erzählung, nach der fast „völlige[n] Ausblutung“ zurück.2 Gleich nach dem Auffinden des Opfers hätten die Juden Kievs eine Kampagne gestartet, um ihre Tat zu verschleiern. So hätten sie die Eltern und in der Umgebung lebende Christen des Verbrechens beschuldigt und die Ermittler in entsprechende Richtungen gelenkt. Auch Beweise sollen sie gefälscht haben, um den Verdacht von sich abzulenken und die Wahrheitsfindung zu erschweren.3 Weil ihnen aber bewusst gewesen sei, dass es Zeugen gegeben habe, die gesehen hätten, wie Bejlis den Jungen gefangen habe, ließen sie angeblich Ženja und Valentina Čeberjak, die mit Andrej bei der Ziegelfabrik gespielt haben sollen, vergiften.4 Da offenbar geworden sei, dass die Juden die Ermittler auf ihrer Seite hätten, wurden diese vom Fall abgezogen und andere, als vertrauenswürdig angesehene Ermittler auf den Fall angesetzt.5
Engagierte Antisemiten warnten schon zur Beerdigung des Opfers die Bevölkerung mit einem Flugblatt vor der angeblichen Gefahr für christliche Kinder, einem jüdischen Ritualmord zum Opfer zu fallen. Als die Juden merkten, so die antisemitische Erzählung weiter, dass die eifrigen Ermittler ihnen trotz ihrer Bemühungen auf die Schliche gekommen seien, versuchten sie Vera Čeberjak, welche durch sie schon im Fokus der Ermittlungen stand, zu bestechen. Sie hätten ihr 40.000 Rubel angeboten, wenn sie den Mord an Andrej Juščinskij auf sich nehme.6 Als die Entlarvung ihrer vermeintlichen Tat nicht länger aufzuhalten war, hätten die Juden durch ihre Kontakte zur russischen und internationalen Presse dafür gesorgt, dass die Ermittlungen und die Anklage als antisemitisch gebrandmarkt und somit delegitimiert wurden.7 Hohe internationale jüdische Vertreter, wie Lord Rothschild aus England, mischten sich, so die antisemitische Lesart, in diese innerrussische Angelegenheit ein. Aus einem Prozess gegen einen einzigen Juden, der zu einer fanatischen Sekte gehörte, machten sie einen Prozess gegen das gesamte Judentum.8 Jeden, der sich für die Wahrheitsfindung aus antisemitischer Sicht einsetzte, hätten sie als Antisemiten und „Schwarzhunderter“ gebrandmarkt. Doch nimmt die Ritualmord-Erzählung einen für deren Anhänger*innen versöhnlichen Ausgang: Denn auch die von jüdischer Seite berufenen Gutachter hätten nicht verhindern können, dass die „Wahrheit“ ans Licht gekommen sei. Selbst wenn Bejlis die Schuld nicht nachgewiesen werden konnte, so habe das Gericht doch den Ritualmord an sich anerkannt.
Ebenfalls Teil der antisemitischen Erzählung und der darin verbreiteten vermeintlichen Beweisführung waren die Verletzungen und deren Anordnung an Körper und Kopf des Toten. So wurde behauptet, dass hebräische Buchstaben und Wörter entstünden, würden die einzelnen Stichwunden mit Linien verbunden. Die so entstandenen Zeichen spielten angeblich eine besondere Rolle in der Kabbala, der jüdischen Mystik. Unter anderem verbreitete Vasilij V. Rozanov (1856-1919) diese antisemitische Deutung.9 Diese Erzählungen entbehren allerdings jeglicher Grundlage und die vermeintlichen Schriftzeichen sind nur mit viel Fantasie vorstellbar. Das Narrativ wurde später auch in der nationalsozialistischen Propaganda genutzt, um gegen Jüdinnen und Juden zu hetzen.

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