Navigation: Kiev > Internationale Reaktionen > Paul Nathan

Paul Nathan

Der deutsch-jüdische Politiker und Publizist Paul Nathan (1857–1927) gehört zu den engagiertesten Vertretern einer internationalen Gegenöffentlichkeit. Als Gründer und Generalsekretär des Hilfsvereins der deutschen Juden sah er dies als seine besondere Aufgabe an. Bereits im Zusammenhang mit den Prozessen von Xanten und Tiszaeszlár wurde er aktiv und veröffentlichte 1892 Gegendarstellungen. 1913, parallel zum Beilis-Prozess, publizierte Nathan unter dem Titel Der Fall Justschinski. Offizielle Dokumente und private Gutachten eine Sammlung von Dokumenten. Hierzu gehörten Übersetzungen der Obduktionsberichte, des Gutachtens der die zweite Obduktion durchführenden Ärzte Tufanov und Obolonskij sowie der Gutachten des Archimandriten Ambrosius zur theologischen Einordnung des Ritualmordvorwurfs und Ivan Sikorskijs zur psychiatrischen Bewertung der Tat. Diesen gegenübergestellt werden Gutachten verschiedener internationaler Experten. Deren Expertisen seien „in den Dienst menschlicher Aufklärung und in den Dienst der Menschlichkeit“ gestellt worden.1
Die im Auftrag der Anklage angefertigten Gutachten boten die Grundlage für den Prozess – ausgenommen das Gutachten des Ambrosius, welches so eindeutig jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrte, dass es zwar für die Ausrichtung der Ermittlungen relevant war, aber nicht in den Prozess eingebracht wurde.2 Weiterhin sammelte Nathan Stellungnahmen internationaler Experten auf dem Gebiet der Psychiatrie und der Gerichtsmedizin, die sich kritisch mit den Gutachten der Anklage auseinandersetzen. Hierzu gehören die ausführlichen Kritiken der beiden Professoren der Rechtsmedizin, Albin Haberda (1868–1933) aus Wien und Ernst Ziemke (1867–1935) aus Kiel. Außerdem finden sich kurze Statements, wie etwa die des Psychiaters Professor Julius Wagner von Jauregg (1857–1940) und des Neurologen Professor Dr. Heinrich Obersteiner (1847–1922) aus Wien. Diese machten deutlich, dass eine Auseinandersetzung mit dem Gutachten Sikorskijs für sie nicht möglich sei, da sie es nicht als psychiatrisches Gutachten anerkennen könnten. Auch Professor Karl Ludwig Bonhoeffer (1868–1948), ein Psychiater und Neurologe aus Berlin, weist darauf hin, dass Sikorskijs Gutachten lediglich eine „subjektive, aus dem Befund nicht zu begründende Meinungsäußerung“ darstelle.3 Zwei Gerichtsmediziner, die Professoren Lacassagne aus Lyon und Thoinot aus Paris, äußerten sich in einer Beurteilung zu den Obduktionen und der Expertise Sikorskijs. Britische Mediziner kritisierten ebenfalls die Gutachten der Anklage. Die Obduktionsprotokolle ermöglichten den Medizinern einen Einblick in das praktische Vorgehen und die daraus gewonnenen Diagnosen. Das Urteil fiel auch hier vernichtend aus. Die Schlussfolgerungen der obduzierenden Ärzte konnten aufgrund der angefertigten Protokolle nicht nachvollzogen werden, teilweise wurden sie durch diese sogar gänzlich widerlegt.
Nathans Motivation war es, der Legende des jüdischen Ritualmordes, wie sie in Kiev erneut verhandelt werden sollte, etwas entgegenzustellen. Außerdem ging es ihm darum, die Arbeit des verstorbenen Dr. Max Schönfeldt (1861–1912) aus Riga zu vollenden. Schönfeldt, ein Arzt, Psychiater und Neurologe sowie überzeugter Zionist, war, nachdem er die Obduktionsprotokolle und Gutachten studiert hatte, an internationale Experten herangetreten. Ihm erschien das Material als „sehr anfechtbar“.4 Nathan übersetzte das Material ins Deutsche und stellte es damit einer weiteren Öffentlichkeit zur Verfügung. Dies habe er gemacht, um denen, die er als „selbst urteilsfähig“ begriff, es zu ermöglichen, sich eine Meinung zu bilden und „Wahn, Aberglaube und Irrlehre zu bekämpfen”.5 Die Gutachten der Anklage waren bereits vor dem Prozess veröffentlicht worden und konnten so einer umfassenden Kritik unterzogen werden. Insofern waren bereits vor dem Prozess die Unzulänglichkeiten der Gutachten bekannt. Grundlage für die Verhandlung bildeten sie trotzdem.

Exponate zum Thema