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Der Prozess

Der Prozess gegen Menachem Mendelʼ Bejlis begann am 25. September und endete nach 34 Prozesstagen am 29. Oktober 1913. Es wurde eine Vielzahl von Zeug*innen und Sachverständigen angehört. Den Vorsitz führte Richter Fëdor A. Boldyrev, der auf Anraten des Gouverneurs von Kiev, Aleksej F. Girs, extra für den Prozess an das Kiever Gericht berufen wurde. Boldyrev habe, so Girs Meinung, die richtige Einstellung gehabt. Im Vorfeld der Verhandlung lehnte der Richter einige der Gutachter, die die Verteidigung berufen wollte, teils aus fadenscheinigen Gründen ab. Der Prozess sorgte für ein großes nationales und internationales Medienecho. Doch nicht allein der Richter hatte über den Angeklagten zu entscheiden. Die Verhandlung fand vor einem Geschworenengericht statt, dessen Jury aus zwölf Personen bestand. Im Verlauf des Prozesses wurde die Voreingenommenheit des Richters deutlich, indem er Suggestivfragen zuließ und Beweismittel der Verteidigung, wie etwa ein antisemitisches Flugblatt, ablehnte. Auch griff er in eine Zeugenbefragung der Verteidigung ein, als der Zeuge sich in Widersprüche verstrickte und so den Prozess gefährdete. Die Vertreter der Anklage waren, wie Richter Boldyrev, ebenfalls bekannte Antisemiten, die die Ritualmordlegende für wahr hielten.
Die Internationale Reaktion erfolgte nicht nur in der Presse, auch Politiker und Sachverständige äußerten sich. So etwa Lord Lionel Rothschild, der beim Vatikan eine Bestätigung der Bulle von Papst Clemens XIV. erbat, in welcher die Ritualmordbeschuldigung als Legende bezeichnet wird. Der Vatikan lieferte eine entsprechende Bestätigung, die jedoch durch das Russländische Kaiserreich erst nach der Verhandlung anerkannt wurde. Trotz der Haltlosigkeit der Anschuldigung wurde ein Prozess in die Wege geleitet und ein Urteil gesprochen. Dieses sollte zwei Fragen beantworten:

  1. Wurde Andrej Juščinskij zu rituellen Zwecken ermordet und ihm sein Blut abgezapft?
  2. Ist der Angeklagte Mendelʼ Bejlis schuldig, sich mit anderen dazu verabredet zu haben, Andrej Juščinskij aus religiösem Fanatismus ermordet zu haben?
Die Juroren beantworteten die erste Frage mit „ja“, die zweite verneinten sie hingegen. Somit wurde Bejlis zwar freigesprochen, die Ritualmordlegende aber trotz fehlender Beweise durch ein Gericht bestätigt.

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