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Rezeption im Internet

Die Namen Mendel’ Bejlis und Andrej Juščinskij haben ihre Aktualität im russischsprachigen Raum bis heute nicht verloren. Vor allem in antisemitischen und religiösen Kreisen ist die Ritualmordlegende um die Ermordung des Jungen Andrej zu rituellen Zwecken ein Thema von hoher Bedeutung. Dabei ist das Internet eine der wichtigsten Plattformen zur Verbreitung von Fake News und Propaganda. Wer will, bleibt anonym. Wer seine Quellen nicht preisgeben möchte, verschleiert sie. Auf diese Weise ist es ziemlich einfach, Fehlinformationen zu verbreiten oder andere Quellen als falsch zu diffamieren.
Spuren von Antisemitismus lassen sich im Internet finden, ohne lange danach zu suchen. Das gilt für den Bejlis-Fall ebenso wie für andere angebliche Ritualmorde. Das Spektrum solcher Fake News ist breit. Gestützt werden sie von diversen Medienformaten, die an die Emotionen der Konsument*innen appellieren. Es gibt antisemitische Karikaturen, Videos, in denen über den Bejlis-Fall, Menschenopfer oder die angeblich drohende Gefahr durch das Judentum aufgeklärt werden soll, Aufsätze von selbsternannten Experten*innen, die versuchen durch einen pseudo-wissenschaftlichen Stil seriös zu wirken, und allen voran Kommentare. Angefangen bei Beleidigungen, über Gewaltaufrufe bis hin zu Appellen, seine Kinder zu schützen, ist alles dabei. Bejlis wird als Teufelsanbeter und Kindermörder bezeichnet, der zu Unrecht freigesprochen wurde. Durch eine mangelhafte Regulierung lassen sich antisemitische Aussagen im russischsprachigen Raum offen und ohne jegliche Verharmlosung im Internet finden. Dies gilt für spezielle Foren ebenso wie für globale Internetseiten wie youtube.com oder facebook.com. Manche dieser Medien befinden sich jahrelang auf prominenten Seiten, ohne entfernt zu werden. Dies zeigt zum einen eine permanente Aktualität dieses Themas und zum anderen, die Freiheiten, die Verschwörungstheoretiker*innen im Netz genießen. Beides kann Konsumenten*innen unter Umständen das Bild vermitteln, dass es sich bei den Informationen um Tatsachen handelt.
Die Akteur*innen dieser Bewegungen lassen sich nicht unbedingt einem bestimmten Lager zuordnen. Manche sind stark religiös geprägt, andere vor allem nationalistisch oder antisemitisch; oftmals lässt sich auch eine Vermischung diverser Motive erkennen. Darüber hinaus bewegen sich die Akteur*innen in unterschiedlichen Reichweiten. Den Großteil aller Fake News im Internet machen Kommentare anonymer Nutzer*innen aus. Ihre Anzahl ist dabei so hoch, dass sie unter Umständen den Anschein eines weitverbreiteten Konsenses erwecken könnte, der wiederum als Bestätigung für die Rechtmäßigkeit der Botschaft dienen kann. Entscheidend sind auch Personen mit einer großen Community und Personen mit einer gewissen Autorität, die sie für diese Zwecke missbrauchen. Zu diesen gehören sowohl Journalist*innen als auch Vertreter der Kirche oder Mitglieder sozialer Netzwerke mit einer hohen Followerzahl.
Das Grundnarrativ ist meistens das gleiche: Mendel’ Bejlis wird als religiös motivierter Mörder und Mitglied einer christenfeindlichen Gesellschaft – des Judentums – dargestellt, Andrej Juščinskij als Opfer eines grausamen Ritualmordes, das den Märtyrertod starb. Hier treffen antisemitische Hetze und religiöser Kult aufeinander. Um die Geschichte um die sogenannten Ritualmorde so glaubhaft wie möglich zu machen, sprechen die Multiplikator*innen solcher Fehlinformationen von Beweisen, die eine angebliche jüdische Verschwörung aufdecken sollen, von Geschichten, die sie oder ihre Bekannten erlebt oder gehört haben wollen. Häufig werden in diesem Kontext auch Fotografien oder Videoaufnahmen verwendet, die ihre Worte untermauern sollen. Dass diese jedoch stark überarbeitet und zuweilen sogar komplett aus dem Kontext gerissen sind, indem sie zum Beispiel aus einer völlig anderen Zeit stammen oder mit einer anderen Intention erstellt wurden, spielt dabei keine Rolle. Ob diese Personen tatsächlich selbst daran glauben, kann nicht nachvollzogen werden und spielt für die Virulenz solcher Produkte eine eher untergeordnete Rolle. Sobald die Informationen im Internet veröffentlicht werden, werden sie von einer Vielzahl von Menschen konsumiert und nach dem Schneeballsystem im Internet weiterverbreitet.1

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