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Paul Nathan

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Solidaritätsbekundungen

Als Bejlis angeklagt wurde, gab es von Seiten der jüdischen Gemeinschaft vehementen Widerstand in Form zahlreicher Proteste. So versammelten sich vor dem Gerichtsgebäude etwa 800 Rabbiner, deren Forderungen vor Ort jedoch kaum Beachtung geschenkt wurde. Doch nicht nur im Zarenreich gab es scharfe Kritik. Im Deutschen Reich wurde ebenfalls über den Prozess missbilligend berichtet, vor allem in der jüdischen Presse, aber auch in bürgerlich-konservativen Medien. In der Habsburgermonarchie erschien ein aufschlussreicher Artikel der im ungarischen Reichsteil herausgegebenen Kaschauer Zeitung. Unter der Überschrift Das Blutmärchen schrieb das Blatt am 13. November 1913, dass die Ehre Russlands durch Bejlis’ Freispruch wiederhergestellt worden sei. Die Frage der Ritualmordbeschuldigung wurde nicht bloß als sogenannte „Judenfrage“, sondern vielmehr als „Ringen zwischen Aufklärung und Finsternis, zwischen planmäßiger Volksverdummung und liberaler Weltanschauung“ gesehen.1
Wichtige jüdische Persönlichkeiten wie Paul Nathan wurden gegen die Ritualmordlegende aktiv, aber auch eine Reihe bekannter Kunstschaffender, Politiker, Theologen und religiöser Würdenträger sowie Wissenschaftler verschiedener Disziplinen opponierte gegen den als antijüdische Verleumdung wahrgenommenen Prozess. Überraschenderweise schlossen sich selbst antisemitische Akteure der Kritik an. Unter ihnen der Soziologe Werner Sombart (1863–1941), der gemeinsam mit Schriftstellern wie Thomas Mann (1875–1955) und Gerhart Hauptmann (1862–1946) eine Protestnote unterzeichnete. Sombarts Haltung zeigt, dass die Legende vom jüdischen Ritualmord unter Antisemiten*innen keineswegs unbestritten war. Diese sahen sie als mittelalterliches Märchen in einer Zeit verhaftet, über die sich der sich modern gerierende Antisemitismus erheben wollte. Von einem ähnlichen Protestschreiben diesmal britischer Intellektueller, hoher kirchlicher Würdenträger und Kunstschaffender berichtete sowohl die Zeitung der jüdischen Gemeinschaft Südkaliforniens, der Bnai Brith Messenger, als auch die London Times. Ebenfalls aus Großbritannien stammt ein Ersuchen Lord Rothschilds an den Vatikan. Rothschild verwies auf den vom Gericht als Experten geladenen Theologen Pranaitis und erbat Unterstützung, dessen vermeintliche Sachkenntnis als unzureichend zu entlarven. Es ging ihm um die Bestätigung der Richtigkeit des im 18. Jahrhundert vom späteren Papst Clemens XIV. erstellten Gutachtens, das Pranaitis als Fälschung bezeichnet hatte. Der adressierte Kardinalstaatssekretär Del Val kam dieser Bitte nach. Auch der Schriftsteller Franz Kafka (1883–1924) aus Prag setzte sich mit der Ritualmordbeschuldigung und insbesondere mit dem Bejlis-Prozess auseinander. Seine Arbeit konnte er jedoch vor seinem Ableben nicht mehr vollenden.
Die Ritualmordbeschuldigung gegen Bejlis wurde auch in den Vereinigten Staaten von Amerika rezipiert. Hier reagierten christliche wie auch jüdische Gläubige gleichermaßen empört auf die Anklage. Der Bnai Brith Messenger veröffentlichte am 28. Juni 1912 einen Artikel, in dem die russische Regierung als ignorant bezeichnet wurde, weil sie im Laufe der Geschichte oft Unruhe und Pogrome gegen Juden zugelassen habe. Der Prozess gegen Bejlis werde offenbar immer wieder verschoben, weil die notwendigen Beweise nicht vorlägen.2 Weiterhin berichtete die Zeitung am 7. November 1913, dass über 100 Kirchen aus Kalifornien eine Resolution veröffentlichten, in welcher das Entsetzen der „zivilisierten Welt“ über die Anschuldigung der russischen Regierung, den Hass und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zum Ausdruck kommt. Die christliche Gemeinde verurteile derlei „im Namen der Gerechtigkeit, Menschheit, Zivilisation und Religion“.3 Doch nicht nur die jüdische Presse in Amerika berichtete über den aufsehenerregenden Prozess. Große Zeitungen wie die New York Times machten deutlich, dass die Ritualmordbeschuldigung eine antisemitische Legende ist. Auch nach dem Prozess riss das Interesse an Bejlis nicht ab. So veröffentlichte der Bnai Brith Messenger nach Bejlis’ Ausreise aus Russland und seiner Ankunft in Alexandria im März 1914 ein Interview mit ihm und beschrieb, wie „der Held von Kiev“ von über zweitausend Personen mit Jubel empfangen wurde.4

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