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Zeitgenössische russische Reaktionen

Zahlreiche rechtsextreme und monarchistisch-nationalistische Organisationen, darunter die Union des Russischen Volkes, die Gesellschaft des Zweiköpfigen Adlers und die Schwarzen Hundertschaften, betrieben vehement Hetze gegen die jüdische Bevölkerung. Nicht nur durch Flugblätter, sondern vor allem auch in der Presse.
So schrieb Zemščina [dt. Reich], eine monarchistische Zeitung mit Sitz in St. Petersburg, am 23. April 1911, die jüdische Gemeinschaft störe die Ermittlungen der Polizei, weil sie nicht nach einer Lösung des Problems suche, sondern, wie immer, als erste aufschreie, dass es doch alles Lügen seien.1 Am 26. April 1911 schrieb das Blatt, die Juden würden dem Selbstmitleid verfallen, um so die Öffentlichkeit am Erkennen der Wahrheit hinter der Ermordung Andrejs zu hindern.2 Am 24. April 1911 veröffentlichte die Zeitung Dvuglavyj Orël [dt. Zweiköpfiger Adler] einen Artikel mit der detaillierten Beschreibung des Ablaufs eines sogenannten jüdischen Ritualmordes. Der Artikel wurde aus der Zeitung Russkoe Znamja [dt. Russisches Banner] – dem Organ der Schwarzhunderter – übernommen: Es sei demnach eindeutig, dass es sich beim Mord an Andrej um einen Ritualmord handle.3 Die Zeitung führte ihre Propaganda über Jahre weiter und veröffentlichte 1913 ein Gedicht zum Andenken an Andrej, in welchem die Mär vom Ritualmord reproduziert wurde. Neben Zeitungen wurde auch über Flugblätter antisemitische Hetze verbreitet. Eines dieser Flugblätter druckte die jüdische Zeitung Evrejskie Izvestija [dt. Jüdische Nachrichten] ab und wies damit auf die Propaganda hin.
Mit dem Bejlis-Prozess befasste sich auch die Duma: So hielten Georgij Zamyslovsij, einer der Ankläger im Prozess, und Vladimir M. Puriškevič (1870-1920), Mitbegründer der Union des Russischen Volkes, Reden, welche unverhohlen das antisemitische Narrativ vom jüdischen Ritualmord bedienten.
Auch wenn sich rechtsextreme, konservative und monarchistische Zeitungen und Personen vielfach positiv auf die Ritualmordbeschuldigung bezogen, gab es in diesem Lager Stimmen, die die Legende vom jüdischen Blutmord grundsätzlich ablehnten. Dabei bezogen sie sich unter anderem auf einen Vertreter der Regierung. So meldete die Zeitung Kievljanin [dt. Der Kiewer] am 1. Mai 1911, dass ein führender Mitarbeiter des Justizministeriums die Anschuldigungen der Antisemiten scharf verurteile und der vermeintliche Ritualmord nur ein Gerücht sei. Auch wenn im Mittelalter viele Juden durch die Folge der Gerüchte verurteilt wurden: Es seien doch Urteile basierend auf Ignoranz und damit keine Belege für die Existenz fanatischer Sekten oder irgendwelcher ,,Ritualmorde“. Die Vorwürfe seien letztlich nur dazu da, das christliche Volk gegen die jüdische Bevölkerung aufzuhetzen und zu Pogromen anzustiften.4 Auch der Verleger des Dvuglavyj Orël, ein bekennender Antisemit, rief die Bevölkerung zur Besonnenheit auf, stellte sich jedoch nicht gegen die Ritualmordbeschuldigung. Er begründete seine Mahnung mit der biblischen Erzählung von Jesus und seinen Aposteln, welche nicht gewaltsam rebelliert, sondern sich den „bösen“ und „gerissenen“ römischen Herrschern gebeugt hätten.5 In dieser Deutung wird das russische Volk zu Aposteln und die Juden zu den bösen Mächtigen.
In klarer Opposition zur Ritualmordbeschuldigung befand sich unter anderem die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, welche zu einem eintägigen Solidaritätsstreik für Bejlis aufrief. Die Arbeiterklasse müsse sich gegen diesen Versuch der Unterdrückung und Spaltung durch das zaristische Regime stellen. Über die Proteste berichtete unter antisemitischen Vorzeichen auch die Preußische Zeitung. Die Proteste in unterschiedlichen Städten blieben offenbar nicht ungehört und wurden über die Grenzen des Zarenreichs hinaus wahrgenommen. Weiterhin erfahren die Lesenden von der Zeugenaussage, wonach bei der Beerdigung Andrejs antisemitische Flugblätter verteilt wurden. In Die Neue Zeit, einem wichtigen Organ der SPD, erschien ein Artikel Leo Trotzkis (1879-1940), in welchem er klar Stellung gegen die Ritualmordbeschuldigung bezieht und sie in die Zeit der Hexenverbrennung verortet. Trotzki sieht den Prozess als Beleg für die Rückständigkeit des Zarenreichs und stellt den Freispruch Bejlisʼ als Beleg der Schwäche des russischen Regimes dar. Das Volk habe erkannt, dass die Ritualmordbeschuldigung haltlos ist.

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