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Die Bejlis-Affäre in Kiev von 1911 bis 1913

Der Ritualmord-Prozess, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs stattfand, sollte der letzte große seiner Art sein. Durch die Vermischung eines modernen Gerichtsverfahrens mit dem mittelalterlichen Ritualmordvorwurf erscheint dieser Fall als ein Anachronismus. Er beschädigte das Ansehen des russischen Reiches und sorgte weltweit für Furore.1 Dennoch war der Vorwurf im späten Zarenreich kein Einzelfall. Während solche Blutbeschuldigungen gegen jüdische Menschen in Westeuropa zurückgingen, verstärkte sich ihre Verbreitung in Osteuropa.
Die jüdische Gemeinschaft des russländischen Imperiums, welche bis zum Ersten Weltkrieg die größte weltweit war, litt unter vielen Einschränkungen, die eine angebliche jüdische Macht im Zaun halten sollten.2 So mussten die Menschen auf einem zwischen Ostsee und Schwarzem Meer gelegenen begrenzten Gebiet, dem sogenannten Ansiedlungsrayon, leben.3 Viele Mitglieder der Duma, also des russländischen Parlaments, wollten solche Restriktionen aufheben. Als Reaktion auf diesen Vorstoß wurde die jüdische Bevölkerung im Interesse der monarchischen Regierung zum Sündenbock für die Revolution von 1905 gemacht, wodurch gleichzeitig das Nationalgefühl der vermeintlich echten, monarchistischen Russ*innen bekräftigt werden sollte. Auch erneute Pogrome waren durchaus gewollt. Unter Nikolaus II. initiierte der reaktionäre Justizminister Ivan G. Ščeglovitov in diesem Geiste mehrere Ritualmordprozesse, u. a. den Prozess gegen Bejlis.4
Am 25. März 1911 verschwand der – je nach Quelle – zwölf- oder dreizehnjährige Schüler Andrej Juščinskij. Einige Tage später wurde sein lebloser, laut erster Obduktion mit 50 Verletzungen übersäter Körper in einer Höhle am Stadtrand von Kiev gefunden. Der zweiten Obduktion zufolge sollen es jedoch 47 Verletzungen gewesen sein.5 Bereits bei Andrejs Beerdigung wurde von antisemitischen Gruppierungen das Narrativ vom jüdischen Ritualmord aufgebracht.6
Anfangs gab es einige Polizei- und Hofbeamte, welche sich diesem antisemitischen Vorwurf entgegenstellten oder zumindest skeptisch waren und korrekte Ermittlungen durchführen wollten. Zunächst wurden Andrejs Mutter und Stiefvater verdächtigt, doch stellte sich die Vermutung schnell als falsch heraus. Kurz darauf geriet eine kriminelle Bande um Vera V. Čeberjak ins Visier der Polizei. Andrej war mit Čeberjaks Sohn Ženja befreundet und schien von den Machenschaften der Bande mitbekommen zu haben, weshalb er zu einer Gefahr für sie wurde. Außerdem gab es die Mutmaßung, dass die Bande in Kontakt zu rechten Gruppen stand und in vergangenen Jahren bereits von Pogromen profitiert hatte. Schließlich war es ein leichtes Spiel, in die verlassenen Unterkünfte geflohener jüdischer Mitbürger*innen einzubrechen und Wertgegenstände zu erbeuten. Jedenfalls lag der Verdacht nahe, dass es durchaus ihre Absicht gewesen sei, den Mord durch die zahlreichen Wunden wie einen Ritualmord aussehen zu lassen.
Der erste zuständige Polizeidetektiv, Evgenij F. Miščuk, wurde entlassen, weil er von einer Ermordung des Jungen durch die Bande überzeugt war. Aufgrund gefälschter Beweise, die ihm untergeschoben wurden, kam er sogar in Haft.7 Daraufhin wurde Nikolaj A. Krasovskij eingesetzt, der als russischer Sherlock Holmes bekannt war. Ihm gelang es, Vera Čeberjak zu verhaften. Doch schon nach einigen Wochen kam sie frei und Krasovskij verlor ebenfalls seine Stelle. Er ermittelte, trotz zwischenzeitlicher Verhaftung, als Privatdetektiv weiter.
Am 4. August 1911 wurde Menachem Mendel Bejlis wegen Mordes an Andrej Juščinskij verhaftet. Bejlis stammte aus einer chassidisch-jüdischen Familie und arbeitete in der Ziegelfabrik in unmittelbarer Nähe zum Leichenfundort. Ein geeignetes Opfer für die antisemitische Verschwörungserzählung war gefunden.8

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