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„Der Giftpilz“

Der Giftpilz – Ein Stürmerbuch für Jung und Alt ist ein 1938 im Stürmer Verlag erschienenes Kinderbuch, das von Ernst Hiemer verfasst wurde. Der 1900 geborene Hiemer war seit 1938 Chefredakteur des Stürmers.1 Der Karikaturist Philipp Rupprecht alias Fips, der die diffamierenden Zeichnungen für den Giftpilz lieferte, war seit 1925 beim Stürmer-Verlag angestellt und verbreitete dort ebenfalls seine stereotypen Juden-Bilder. Die Darstellung des “Stürmer-Judens” durch Rupprecht sammelte nahezu alle negativen Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden und sollte sie herabwürdigen und dehumanisieren. 2
Dieses Buch steht in unserem Fall beispielhaft für den Versuch, antisemitische Propaganda schon im Kindesalter zu beginnen. Neben dieser Veröffentlichung wurden im Stürmer-Verlag noch Hiemers Der Pudelmopsdackelpinscher und andere besinnliche Erzählungen (1940) und Der Jude im Sprichwort der Völker (1942) herausgegeben. Der Giftpilz erschien in seiner Erstauflage wohl mit einer Stückzahl von 60.000 Büchern.3
Ausgewählt wurde für diese Ausstellung der Giftpilz, da sich ein Kapitel ausdrücklich mit den angeblichen jüdischen Ritualmorden beschäftigt. Das Kapitel trägt den Titel So quälen die Juden ihre Tiere und um dieses Thema geht es auch zunächst. Zwei offenbar deutsche Jungen namens Otto und Kurt streiten darüber, ob “die Juden” ihre Tiere quälen würden. Da Otto seinem Freund Kurt keinen Glauben schenken möchte, schwört dieser ihm, dass er es noch beweisen werde. Um dies einzulösen, führte Kurt Otto ein paar Wochen später zu einem „Judenschlachthof”.4
Zunächst wird in dem Buch die koschere Schächtung thematisiert. Hier wird zwar nicht direkt auf einen Ritualmordfall verwiesen, aber das Aufschlitzen der Kehle wird hier beschrieben. Dies galt oftmals als ein Beleg für einen angeblichen Ritualmord. Die Vorgehensweise der Männer wird als äußerst brutal dargestellt. Außerdem beschreibt Hiemer, dass die Männer, die aussehen würden wie Teufel, sich bei dem Vorgang amüsierten. Der kleine Kurt geht in der Geschichte allerdings noch einen Schritt weiter, indem er diese Vorgehensweise auf Ritualmorde an Menschen überträgt: In gleicher Weise würden die Juden für ihre Riten auch Menschen ausbluten lassen. Das Kapitel endet mit einem hetzerischen Gedicht, das offen die Ausrottung der Juden fordert:
„Es liegt dem Juden in dem Blut
Der Zorn, der Neid, der Haß, die Wut
Auf jedes Volk der ganzen Welt,
Das nicht zum auserwählten‘ zählt.
Er schächtet Tiere, schächtet Menschen,
Es kennt sein Blutdurst keine Grenzen!
Es wird die Welt erst dann genesen,
Wenn wir vom Juden sie erlösen“5
Auch das dem Kapitel zugehörige Bild ist brutal gezeichnet. Die Bildunterschrift vermittelt, dass die Männer sich bei der Schächtung amüsieren und lautstark lachen. In dem Bild lässt sich der “Stürmer-Jude” wiedererkennen. Vor allem antisemitische Stereotypen wie die sogenannte Judennase und die dunklen Haare und zum Teil Bärte lassen darauf schließen. Durch genau diesen pervertierten Stil in Schrift und Bild war Der Giftpilz, wie auch Der Stürmer auch unter den Nationalsozialisten umstritten.6 Zwar wurde dem Buch inhaltlich nicht widersprochen, dennoch wurde vom Sicherheitsdienst der SS befürchtet, dass es durch die übertriebene und obszöne Art der Darstellung eher negativ auf Kinder und Jugendliche wirken könnte.7 Viele weitere der Kurzgeschichten und bildlichen Darstellungen im Giftpilz sind auf ähnliche Weise offen antisemitisch und extrem hetzerisch. Neben der Verleumdung und Verteufelung ist vor allem die keineswegs versteckte Forderung, alle Jüdinnen und Juden auszulöschen, in einem Kinderbuch erschreckend.

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