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Franz Fühmann: Das Judenauto (1962)

Der DDR-Schriftsteller Franz Fühmann zeigt in seiner Erzählung Das Judenauto eindrücklich auf, wie sich Hass, Hetze und vor allem antisemitische Verschwörungstheorien verbreiten. Fühmann war während seiner Kindheit und frühen Jugend überzeugter Nationalsozialist. Nach dem Krieg setzte bei ihm ein Umdenken ein und in seinem Werk von 1962 beschäftigt er sich kritisch und distanzierend mit seinen vormaligen Gedanken.
In seiner als „semi-autobiographisch“1 bezeichneten Erzählung Das Judenauto beschreibt Fühmann im ersten Kapitel einen Tag aus dem Leben eines neunjährigen Jungen, dem erzählenden Ich2, im Jahr 1931. Der Junge lauscht – wie die anderen Kinder der Klasse – gespannt den Ausführungen einer Mitschülerin, die von einem gelben Auto erzählt, in dem vier Juden gesessen hätten. Die Juden wären auf wenig begangenen Wegen in der Nähe von Wäldern und Feldern unterwegs, auf der Suche nach nicht-jüdischen Kindern, um diese schlachten und deren Blut zum Brotbacken verwenden zu können. Auch wenn der Begriff in der Erzählung nicht auftaucht: Sie beschreibt das klassische Narrativ der Ritualmordlegende. Der verträumte Junge malt sich in seinen Gedanken aus, wie er das Mädchen, in das er sich verliebt hat, vor diesen Juden retten und damit ihr Herz gewinnen würde, ehe er vom Lehrer aus seinen Träumen gerissen und zum Nachsitzen verdonnert wird. Um dies zu Hause nicht beichten zu müssen, fällt ihm auf der Suche nach einer Ausrede die Geschichte mit dem gelben Judenauto ein, der er vorgeblich hätte nachgehen wollen und wegen der er später nach Hause gekommen wäre. Um glaubwürdiger zu erscheinen, nimmt er auf seinem Heimweg einen Umweg über die Felder. Dort fährt dann tatsächlich ein Auto mit mehreren Insassen langsam hinter ihm her, bis es dicht hinter ihm ist, die Insassen ihm etwas zu rufen und er panisch davonrennt. Am nächsten Schultag erzählt der Junge das Erlebte und wird von seiner Angehimmelten ausgelacht und vor der ganzen Klasse bloßgestellt. Das besagte Mädchen und ihre Familie waren es nämlich, die hinter dem Jungen herfuhren und ihn aus dem Fenster rufend fragen wollten, ob sie ihn nicht ein Stück mitnehmen könnten.
An Fühmanns Erzählung sind zwei Aspekte mit Blick auf die Ritualmordlegende besonders interessant: zum Einen die Schilderung, wie Hetze und Verschwörungstheorien funktionieren. Aufgrund seiner antisemitischen Vorurteile hält der Junge die Geschichte für zweifelsfrei real:

„Ich hatte zwar noch keinen Juden gesehen, aber ich hatte aus den Gesprächen mit den Erwachsenen schon viel über sie erfahren: Sie hatten alle eine krumme Nase und schwarzes Haar und waren Schuld an allem Schlechten dieser Welt. […] sie haßten uns Deutsche über alle Maßen und wollten uns alle vernichten.“3

Aufgrund dieser vorgefassten Gedanken und der aufkommenden Panik des Jungen, als er auf dem Feldweg ein Auto näher kommen sieht, wird er von seiner Wahrnehmung getäuscht:

„Im ersten Augenblick hatte ich zu sehen vermeint, dass das Auto braun war; nun, da ich, entsetzt und von einer schaurigen Neugier gestachelt, ein zweites Mal hinblickte, sah ich, dass es mehr gelb als braun war, eigentlich gelb, ganz gelb, ein grellgelber Ton […].“4

Dass seine Angehimmelte den Irrtum aufklärt und ihn damit demütigt bringt ihn nicht dazu, seine Phantasterei zu hinterfragen. Im Gegenteil, sein antijüdischer Hass steigt dadurch, völlig irrational, umso mehr:

„Sie waren dran schuld! […] sie zogen mit ihren gemeinen Tricks den ehrlichen Leuten das Geld aus der Tasche, und auch mit mir hatten sie einen ihrer hundsgemeinen Tricks gemacht, um mich vor der Klasse zu blamieren […].“5

Außerdem gibt Fühmann Hinweise darauf, welchen Einfluss die Ritualmordhetze des Stürmers u.a. auf Fühmann gehabt haben könnte: Ohne, dass es bei Fühmann oder in Rezensionen zu seinem Buch erwähnt wird, erinnert die Erzählung in Teilen an die Titelgeschichte des Stürmers von März 1929: Blutmord in Manau – Der blonde Knabe. – Der Stich in die Halsschlagader. – Der blutleere Körper. – Die Wunde am Rückenwirbel. – Das geheimnisvolle Auto. Im Stürmer-Artikel geht es um den Ritualmordvorwurf aus Manau. So wird u.a. geschrieben, dass das Opfer von Manau, der junge Karl Keßler, kurz vor der Tat angeblich von einem gelben Postauto gesehen wurde, welches sich demnach zum Tatzeitpunkt – wie in Fühmanns Geschichte – am Tatort aufhielt. Wie in Fühmanns Geschichte soll die Tatwaffe im Manauer Ritualmordvorwurf laut Stürmer ein jüdisches Schächtmesser gewesen sein.6

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