Navigation: Nationalsozialismus > Gerhard Utikal

Gerhard Utikal: Der jüdische Ritualmord. Eine nichtjüdische Klarstellung

Gerhard Utikal, geboren am 15. April 1912 in Friedrichsgrätz, deckte während der Zeit der Nationalsozialisten diverse Aufgabenbereiche bezüglich der ideologischen Prägung der deutschen Bevölkerung ab. Nachdem er 1936 zunächst Beauftragter des Führers hinsichtlich der Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung der NSDAP geworden war, erlangte er 1937 die Position des Abteilungsleiters in Alfred Rosenbergs Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums. Da sich sein berufliches Aufgabenfeld hauptsächlich mit dem ideologischen Nährboden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei beschäftigte, suchte er schon bald selbst die literarische Auseinandersetzung mit dem vom NS-Regime verhassten Judentum. Noch im selben Jahr veröffentlichte Utikal dann die Hetzschrift Der jüdische Ritualmord. Eine nichtjüdische Klarstellung.1
Dass die Motivation des Autors besonders in der politischen Agitation der Gesellschaft gelegen haben dürfte, offenbart nicht nur die Auswahl des Themas, sondern vor allem die Art und Weise, mit der er es den Leser*innen vor Augen führt. Dabei stellen die gezielte Verbreitung von Fehlinformationen einerseits und die Unterschlagung zentraler Fakten andererseits die beiden Hauptmerkmale seiner methodischen Vorgehensweise dar.
So kommt es bei der kurzen Beschreibung des 1475 geführten Prozesses zur Ermordung von Simon von Trient beispielsweise zu der erzürnten Behauptung des Autors, dass die angeklagten Juden im Zuge des Verfahrens zu Unrecht freigekommen seien, was nicht nur falsch ist, sondern auch verheimlicht, dass sie in Wahrheit, obgleich mangelnder Beweise, nicht nur überwiegend gefoltert, sondern sogar hingerichtet worden sind. In der Darstellung der Tiszaeszlár-Affäre von 1882 fehlt wiederum jeder Verweis darauf, dass die moderne forensischen Pathologie bereits damals entlastend nachweisen konnte, dass es sich bei der im Fluss gefunden Leiche, die keinerlei Spuren eines vermeintlichen Ritualmords an sich trug, eben doch um das verschollene Mädchen handelte.
In dem pseudowissenschaftlich aufgebauten Werk steht Utikals konstante Bemühung, den Leser*innen, um jeden Preis von der Legende des jüdischen Ritualmords zu überzeugen. Indem er die kontroversen Morde zum einen ausschließlich “den Juden” anlastet und zum anderen konsequent darauf achtet, entlastende Informationen zu vertuschen, entlarvt er einen sich um antisemitische Verschwörungstheorien wickelnden roten Faden seiner „nichtjüdischen Klarstellung“ zum Thema ‘Ritualmord’.
In den darauffolgenden Jahren widmete sich Utikal in Frankreich, als Mitarbeiter des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg (ERR), der Verbreitung ideologischer Werte des NS-Regimes, weshalb er von Rosenberg für die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes vorgeschlagen wurde. Im August 1941 kam es dann zu seiner Ernennung zum Leiter der Zentralstelle zur Erfassung und Bergung von Kulturgütern des ERR in den besetzten Ostgebieten, was zur Folge hatte, dass er sich mitverantwortlich für den Kunstraub im Zweiten Weltkrieg machte. Mit dem Untergang des Nationalsozialismus wurde er zunächst abwechselnd in Dachau und Nürnberg interniert und dann im Dezember 1947 nach Paris überstellt.2 Im Kontext seiner darauffolgenden Vernehmungen gab er an, weder Material für die Propaganda von Ritualmord-Geschichten beigesteuert noch in irgendeiner Art und Weise jemals großartige Berührungspunkte zur jüdischen Bevölkerung gehabt zu haben. Nachdem er vier Jahre später entlassen wurde, wohnte er ab 1954 erst in München, dann in Heiligenhaus bei Düsseldorf. Gerhard Utikal starb am 5. November 1982 in Remscheid.3

Exponate zum Thema