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Der angebliche Ritualmordfall von Manau

Es gab zur Zeit des Nationalsozialismus keinen bekannten Ritualmordvorwurf aus Deutschland. Allerdings kam es einige Jahre vor der Machtübernahme der NSDAP zu einem ungeklärten Mordfall in einer kleinen Gemeinde in Unterfranken. Diesen Mord versuchte die NSDAP durch Verbreitung von Gerüchten, Halb- und Unwahrheiten, also im Endeffekt mit Fake News, jüdischen Mitbürgern anzuhängen.
In der Nacht vom 17. auf den 18. März 1929 wurde die Leiche des viereinhalbjährigen Jungen Karl Keßler in dem Dorf Manau bei Hofheim in Unterfranken gefunden. Die Leiche hatte am Hals eine große Wunde.1 Die lokale Polizei und eine Kommission aus Bamberg stellten nach der Obduktion fest, dass es sich um einen Mord handelte und ein Unfall ausgeschlossen werden musste. Eine lokale Zeitung sprach von einem „Lustmord“.2
Dieser Mordfall wurde durch die unterfränkische NSDAP zu einem “jüdischen Ritualmord” stilisiert. Federführend dabei war der Zahnarzt Dr. Otto Hellmuth. Hellmuth war von 1927 bis zum Kriegsende NSDAP-Gauleiter Mainfrankens. Er berief Versammlungen ein, verteilte Flugblätter und Propagandakarten.3 Eine davon zeigt den „deutschen Jungen Karl Keßler“. Zusätzlich verfasste Hellmuth Artikel in der Zeitung Der Stürmer. In seinem Artikel aus der März-Ausgabe stellt er sich als Sonderberichterstatter dar, der unabhängig und wahrheitsgemäß berichten könne. Mit den Fakten des Autopsieberichtes nimmt er es allerdings nicht allzu genau. So spricht er davon, dass der Täter ein Schächtmesser verwendet hätte und dieses danach anuriniert hätte. Dies sei laut Hellmuth angeblich üblich bei der jüdischen Schächtung und deshalb als Beweis anzusehen. Außerdem behauptete er, es sei kein Blut am Tatort gewesen.4
Eine Gegenreaktion der örtlichen Behörden gegen die Veranstaltungen und die Berichte blieb zunächst aus. Am 15. April verfasste der Herausgeber der Zeitung Fränkisches Volksblatt und katholische Priester Heinrich Leier eine Antwort, in der er gegen die Vorwürfe des jüdischen Ritualmords argumentierte und diese generell ausschloss. Dabei kritisierte Leier vor allem, dass die Veranstaltung der NSDAP am 1. April 1929 in Hofheim mit dem Titel Blutmorde der Juden nicht verboten wurde.5 Auch die Pressestelle der Stadt Bamberg widersprach im April ausführlich den Berichten des Stürmer.6 Die Presseerklärung liegt dem Artikel Leiers bei. Dort wird von offizieller Seite den Behauptungen Hellmuts widersprochen und darauf verwiesen, dass große Mengen Blut am Tatort gefunden wurden.
Am 6. Mai 1929 fand eine Gegenversammlung statt, bei der sich jüdische und nichtjüdische Mitbürger*innen versammelten, um gegen die Verleumdungen vorzugehen. Auch jüdische Zeitungen wehrten sich gegen die Anschuldigungen der NSDAP. Sie argumentieren dabei ausführlich und zumeist sachlich gegen die Vorwürfe. In der Propagandakarte, die Karl Keßler zeigt, wurde auf angeblich bestätigte Ritualmordfälle verwiesen. Als Beweis für die Ausübung von Ritualmorden wurden dabei unter anderem Simon von Trient und Anderl von Rinn angeführt.
Ein weiteres Medium im Fall Manau ist ein Gedenkstein, der an der Fundstelle des toten Jungen aufgestellt wurde. Dieser Gedenkstein steht immer noch dort in dem Waldstück. Im Nationalsozialismus wurde er auch als Pilgerort der Nationalsozialist*innen genutzt, die dort an den angeblichen jüdischen Ritualmord gedachten.7 Der “Blutmord von Manau” – wie er vom Stürmer bezeichnet wurde – wurde in der NS-Zeit in den Stürmer Ritualmord Sondernummern von 1934 und 1939 nochmals rezipiert. Die jüdischen Beschuldigten konnten alle ein Alibi nachweisen und so blieben Prozesse gegen jüdische Menschen im Fall Manau aus. Julius Streicher wurde 1930 wegen der Hetze unter anderem im Fall Manau zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, verbrachte allerdings nur zwei Monate in Haft.8 Die Vorgehensweise der NSDAP zeigt auch schon zu dieser Zeit, dass die NSDAP skrupellos vorging und offen antisemitisch agierte. Dabei schreckte die Partei nicht eine Sekunde vor der Verbreitung von Falschinformationen zurück.

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