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Die Ritualmordlegende im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg 1946

Hat die Wehrmacht Kinder ausbluten lassen, um mit ihrem Blut verwundete Soldaten zu versorgen? Ein Vorwurf, der stark an das von den Nazis propagierte Ritualmordnarrativ erinnert und beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozess von sowjetischer Seite erhoben wurde.
Beim Prozess in Nürnberg vor dem Internationalen Militärgerichtshof ging es unter anderem auch um die Ritualmordhetze der Nazis. Julius Streicher, der seine Rolle als Der Stürmer-Chef weiterspielte und sich vor Gericht als redlicher „Wahrheitsfanatiker“ darstellte, musste sich für seine vielen Artikel im Stürmer sowie Hetzreden, die er auch über sogenannte Ritualmorde hielt, verantworten. Insgesamt dauerte der Prozess vom 14. November 1945 bis zum 01. Oktober 1946, also 218 Tage. An insgesamt vier verschiedenen Tagen war die Ritualmordlüge Gegenstand der Verhandlung. Es wurden zahlreiche Beweismittel eingebracht, die belegen, in welchem Umfang Streicher und sein Stürmer mit der Verbreitung der Ritualmordlegende antijüdischen Hass säten. Streicher musste während seiner Verhandlung immer wieder durch den vorsitzenden Richter ermahnt werden, da er beispielsweise zu schnell redete oder sich nicht mit der Vorgehensweise seines Verteidigers einverstanden erklärte. Außerdem wurde ihm des öfteren nahe gelegt, sich bei der Beantwortung von Fragen kurz zu fassen, da er oft weit ausholte und dabei den Gerichtssaal als erneute Bühne für seine Propaganda zu nutzen versuchte.
In der Gesamt-Anklageschrift zum Hauptprozess findet sich auch ein anderes – mit dem Ritualmord eng verknüpftes und kaum erforschtes – Thema: Mögliche Bluttransfusionen zwischen slawischen Kindern und verwundeten Wehrmachtssoldaten. Die Quellenlage dazu ist denkbar schwierig. Denn wenn es diese Transfusionen gegeben haben sollte, hätten die eingeweihten Nazis (allen voran die durchführenden Ärzte) ein doppeltes Interesse gehabt, diese Praxis zu verschleiern und eben nicht zu dokumentieren. Zum einen weil es den Nazigegnern eine Steilvorlage gerade im Bezug auf die Ritualmordvorwürfe geliefert und zum anderen weil es der Nazi-Ideologie widersprochen hätte. Man hätte den behandelten Soldaten sowie der restlichen Bevölkerung erklären müssen, wieso man die eigenen Soldaten mit dem nach Nazi-Propaganda „minderwertigen“ slawischen Blut versorgen würde. In den Prozess-Protokollen findet sich nur der kurze Hinweis in der Anklageschrift1, danach taucht der Vorwurf während des gesamten Prozesses nicht mehr auf2.
Vor allem beschäftigte sich der 1939 in die Schweiz emigrierte jüdische Politikwissenschaftler Vincent C. Frank mit dem Thema. Frank, der über viele Jahre den Anne Frank Fonds in Basel leitete und eng mit deren Vater verbunden war (trotz gleichen Nachnamens jedoch nicht verwandt) hielt am 30.09.2010 in Salzburg auf der Konferenz Children and War: Past and Present neben dem Historiker Sebastian Stopper von der Humboldt-Universität Berlin einen Vortrag mit dem Titel Slavic children forced to donate their blood for wounded enemy soldiers. Passend zu seinem Vortrag veröffentlichte Frank auch einen Text, der als eine Art Bestandsaufnahme und Forschungsanregung verstanden werden soll. In diesem Text stellt Frank verschiedene Hinweise vor, die nach seiner Interpretation für die Existenz ganzer Lager sprechen würden, in denen (weiß)russischen Kindern Blut für verletzte Wehrmachtssoldaten entnommen worden sei. Auch Frank spricht darin die schwierige Quellenlage an und stützt sich vor allem auf Aussagen von Zeitzeug*innen, die nach dem Krieg entstanden sind.3 Zeitzeug*innen-Aussagen über diese möglichen Verbrechen wurden von 1978 bis 2004 auch von der belarussischen Literaturnobelpreisträgerin Svjatlana Aleksievič in Gesprächen festgehalten und 2008 von ihr auf russisch publiziert (seit 2014 auch ins Deutsche übersetzt). In ihrem Buch Die letzten Zeugen – Kinder im Zweiten Weltkrieg schildern rund 100 Belaruss*innen eindrücklich ihre Kindheitserinnerungen nach dem Überfall auf die Sowjetunion, vier von ihnen gehen dabei auch auf die möglichen Bluttransfusionen ein. Leider stellen Zeitzeug*innen alleine für Historiker*innen keine stichhaltige Quelle dar, da bekannt ist, dass sich Details von Erinnerungen verändern je mehr Informationen Zeitzeug*innen nachträglich über die ihrerseits beschriebenen Vorgänge erhält und je länger das Beschriebene zurückliegt.4
Weitere zeitgenössische Hinweise auf die Existenz besagter Bluttransfusionspraxis finden sich beispielsweise in einer Meldung vom 24.05.1943 der Jewish Telegraphic Agency (hier ist allerdings zum ersten Mal explizit von jüdischen Opfern die Rede) sowie im 1943 erschienenen US-Propagandafilm The north star.
Eine weiterführende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema wäre in jedem Fall lohnenswert, nicht zuletzt um möglicherweise einmal mehr aufzeigen zu können, wie weit Nazi-Ideologie und deren Handeln auseinanderklafften.

Exponate zum Thema

Streicher 1946 während seiner Verteidigung...

... als selbsternannter "Wahrheitsfanatiker":

... über die Auswirkungen von antisemitischer Propaganda in der Zeit des Erscheinens seines Hetzblatts Der Stürmer:

... zur Mitschuld des Stürmers am Holocaust (Teil 1):

... zur Mitschuld des Stürmers am Holocaust (Teil 2):

Blutzwangstransfusionsszene aus dem US-Propagandafilm "The North Star" (1943):