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Reaktionen in der osteuropäischen und jüdischen Presse

Neben diversen Büchern widmeten sich immer wieder auch verschiedenste Zeitschriften vermeintlichen Ritualmordfällen. Während dabei auf der einen Seite – man denke beispielsweise an den Stürmer – vor allem Propagandaerzeugnisse entstanden, gab es auf der anderen Seite auch kritische Artikel über den angeblich jüdischen Ritualmord. In diesem Zusammenhang zeigt ein exemplarischer Blick auf oppositionelle Reaktionen der jüdischen, vor allem ostjüdischen Presse, dass die Verbreitung der Ritualmordlegende wahrgenommen und verurteilt wurde. So wies beispielsweise die im damals rumänischen Czernowitz erscheinende, trotz ihrer zionistischen Ausrichtung deutschsprachige Ostjüdische Zeitung immer wieder auf Fälle hin, in denen Juden, denen Ritualmorde zur Last gelegt worden waren, ohne rechtliche Grundlagen verurteilt wurden. Besonders kritisch wurde dabei die Rolle der Mehrheitsgesellschaft hervorgehoben, da große Teile dieser die angeklagten Personen selbst nach Freisprüchen weiterhin als Täter ächtete.
Insbesondere die propagandistische Hetze des Stürmers und anderer antisemitischer Zeitschriften stieß auf wütenden Protest, wobei die NS-Presse-Kampagnen zur Verbreitung des Konstrukts vom jüdischen Ritualmord offengelegt werden sollte. Dass es auf vielen verschiedenen Ebenen zu einer Beeinflussung der öffentlichen Meinung bezüglich der jüdischen Bevölkerung und ihrer angeblichen Ausübung von Ritualmorden kam, war in den Augen vieler jüdischer Zeitungsredaktionen demzufolge offensichtlich.
Zum Teil wurden auch einige der bekanntesten Fälle vermeintlichen Ritualmords aufgegriffen. So wurde in einem Nachruf zum Tod Mendel Beilis darauf hingewiesen, dass die Schuld an dem Verbrechen, das in Kiev als Ritualmord vor Gericht kam, nicht bei dem angeklagten Juden, sondern einer Diebesbande lag. Doch der Versuch, Fakten in den Vordergrund zu stellen, prallte gegen eine NS-Presse, die derartige Informationen bewusst verschwieg, um ein systemkonformes Narrativ vom Juden als Täter aufrechterhalten zu können.
Der Stürmer, der sich auch den Zeitungsartikeln zufolge am prominentesten damit hervortat, derartige Lügen zu verbreiten, wurde mehrfach erwähnt. So beispielsweise in Zusammenhang mit der Veröffentlichung eines Briefes, in dem eine ältere Frau Juden für den Tod ihrer Enkel verantwortlich machte und ihnen geplanten Ritualmord vorwarf. Dabei verwies die in Breslau erscheinende Jüdische Volkszeitung darauf, dass die entsprechende Ausgabe zwar von der Polizei beschlagnahmt werden konnte, jedoch erkannt werden müsse, dass es der nationalsozialistischen Zeitung einzig und allein darum ging, mithilfe eines möglichst reißerischen Titels ein gefährliches Klischeebild zu bedienen. Die exemplarisch dargestellten Reaktionen oppositioneller Zeitungen, vor allem aus dem osteuropäischen Raum, zeigen, dass die Ritualmordlegende in der Zeit des Nationalsozialismus nicht verstummte, obwohl es immer wieder auch Versuche gab, den wilden Verschwörungstheorien mit Fakten und Kritik öffentlich entgegenzutreten.

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