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Wilhelm Matthießen: Israels Ritualmord an den Völkern

Wilhelm Matthießen wurde am 8. August 1891 in der Eifel geboren. Er studierte und promovierte im Fachbereich Philosophie und wird insbesondere wegen seines 1932 veröffentlichten Schul- und Detektivromans Das Rote U neben Erich Kästner zu den meistgelesenen deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren der 1930er Jahre gezählt. Der Katholik Matthießen wurde, beeinflusst durch die Ludendorff-Bewegung zum Kirchenfeind und überzeugten Antisemiten. Er war bekennender Nationalsozialist, der seiner radikalen Weltanschauung schließlich mehrfach in Form von Hetzschriften sowie völkischen Blut-und-Boden-Stücken Ausdruck verlieh. In diesem Zusammenhang verfasste er beispielsweise 1934 das Schauspiel Heilige Erde, das in Berlin von der Nationalsozialistischen Kulturgemeinde aufgeführt wurde, sowie 1938 und 1939 die antijudaistischen Kampfschriften Israels Geheimplan der Völkervernichtung und Israels Ritualmord an den Völkern.1
In letzterem versucht Matthießen, die Legende vom jüdischen Ritualmord mit einem vermeintlich „ewigen Völkermord“ Israels in Verbindung zu setzen. Neben dem Versuch der Verbreitung antisemitischer Verschwörungstheorien, kommen im Text gelegentlich auch antikirchliche Positionen zum Ausdruck. Germanen seien erst aufgrund ihrer Konvertierung zum Christentum Opfer jüdischer Mordlust geworden und der rituelle Vorgang des Schächtens sei seit jeher von “den Juden” als Waffe gegen andere Völker eingesetzt worden. Das literarisch gezeichnete Bild eines vom Judentum dominierten Schlachthofs für Feinde, die nicht „getötet“, sondern „geschächtet“ oder als „Opfer“ dargeboten werden, bildet das Grundmotiv der einzelnen Kapitel. Es ist weniger der konkrete Verweis auf vermeintliche Ritualmordfälle, als vielmehr Matthießens gezielte Wortwahl, die für einen kontinuierlichen Bezug zur Legende vom jüdischen Ritualmord sorgt. Alles in allem zeigt die im Ludendorffs Verlag erschienene, mit Verschwörungstheorien gespickte Hetzschrift Israels Ritualmord an den Völkern, die dem Judentum einen religiösen Zwang zur blutigen Ermordung von Christ*innen unterstellt, dass die Verbreitung der Ritualmordlüge auch durch die bewusst diffuse Verwendung von Sprache stattfinden kann.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschallten auch Matthießens antisemitische Ausbrüche. Ab 1949 widmete er sich dann nur mehr dem Schreiben unpolitischer Kinder- und Jugendbücher, in denen sich die Suche nach seinem gefährlichen Gesinnungswandel erfolglos verläuft. Der doppelgesichtige Märchenerzähler starb am 26. November 1965 in Bayern.2 Rückblickend veranschaulicht der extreme – wenn auch kurzweilige – Ausschlag seines einhundert Einzeltitel umfassenden Gesamtwerks, den doppelten Boden der weltanschaulichen Radikalität des 20. Jahrhundert.

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