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Dreyfus

Der erste Prozess Hilsners vollzog sich vor dem Hintergrund eines anderen prominenten Falles. Am 9. September 1899 wurde der ehemalige französische Offizier Alfred Dreyfus wegen Landesverrates bei Rennes verurteilt, trotz entlastender Beweise. Es handelte sich dabei um eine Neuverhandlung eines Prozesses von 1894. Damals war Dreyfus zur Last gelegt worden, militärische Geheimnisse an das Deutsche Reich weitergegeben zu haben, der Prozess endet mit einem Schuldspruch. Bei einer Prüfung des Falles im Juni 1899 jedoch hatte das Oberste Berufungsgericht entschieden, das Urteil für ungültig zu erklären und eine erneute Verhandlung in Rennes anzusetzen. Der Fall hatte großes Aufsehen erregt und erfuhr in den zeitgenössischen Medien eine umfassende und polarisierende Berichterstattung, was ihm im Laufe der Zeit den Namen „Dreyfus-Affäre“ einbrachte. Dreyfus wurde durch den Umstand seiner jüdischen Abstammung ein bevorzugtes Ziel der antisemitischen Presse.1
Auf Grund der zeitlichen Nähe der beiden Prozesse Hilsner und Dreyfus, sowie der stark umstrittenen Gerichtsführung und der medialen Aufbereitung, lag ein Vergleich nahe, weshalb der Fall um Hilsner häufig von Zeitgenossen auch als österreichische Dreyfus-Affäre oder als Hilsner-Affäre bezeichnet wurde. In antisemitischen Kreisen allerdings beschwor man eine andere Gemeinsamkeit. Dort wurden Hilsner und Dreyfus besonders wegen der starken Reaktion der jüdischen Bevölkerung und ihrer Angst vor antisemitischen Angriffen in Verbindung gesetzt. Solche Reaktionen wurden mit Misstrauen beäugt und als Beispiel dafür gesehen, dass Juden zu viel Einfluss in der Presse hätten und verdächtig viel Anteilnahme für diese jüdische Verbrecher zeigten. Die österreichische und antisemitische Zeitung Das Vaterland sprach in ihrer Ausgabe vom 13. September von „Jüdische[n] Dummheiten“2 und behauptete, die jüdische Presse sei selbst verantwortlich für die Aufmerksamkeit, die der Dreyfus-Affäre beigemessen wurde. Das Deutsche Volksblatt äußerte mehrmals im Laufe seiner ausgedehnten Berichterstattung zur Verhandlung Hilsners, weder Hilsner noch Dreyfus wären besondere Fälle gewesen. Erst eine unverhältnismäßige Rezeption der Presse von jüdischer Seite hätten sie zu solchen gemacht. Die beiden Männer wurden konstruiert als jüdische Verbrecher, die von anderen Juden und Jüdinnen zu Unrecht in Schutz genommen wurden, und dadurch eine tiefere Wahrheit über die jüdische Natur preisgegeben werde. Impliziert ist die Behauptung, jede Unterstellung des Ritualmordes ließe sich auf das Verhalten der Juden zurückführen. Solche Zeitungen schoben damit jegliche Verantwortung für die Verbreitung der Legende auf gerade diejenigen, die sie selbst attackierten und verurteilten.

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