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Erster Prozess

Am 12. September 1899 gegen 9 Uhr früh begann der erste Verhandlungstag im Fall gegen Leopold Hilsner in Kutná Hora. Journalisten und Schaulustige waren in Massen angereist, um dem Spektakel beizuwohnen. Nach Anklageschrift war Hilsner der Beteiligung am Meuchelmord an Anežka Hrůzová angeklagt und stand somit zwar als einziger, aber nicht als Einzeltäter vor Gericht.1 Ihm wurde der Anwalt Zdenko Auředníček an die Seite gestellt. Auf der Gegenseite hatte sich Karel Baxa als Vertreter der Familie Hrůza eingesetzt, ein offener Antisemit, der eine entscheidende Rolle in der Propagierung der Ritualmordlegende spielen sollte.
Die Beweislage gegen Hilsner war dünn und Zeugenaussagen nicht zuverlässig, seine vermeintlichen Mittäter waren nicht gefasst worden und wie sich später herausstellen sollte, war auch der Obduktionsbericht der Leiche fehlleitend. Trotzdem schloss der Prozess nach fünf Verhandlungstagen am 16. September mit einer Verurteilung zum Tode durch den Strang.
Anhand der wenigen Indizien und der Befragten entstand durch Baxa geleitet im Gericht folgender Tathergang: Hilsner, der Anežka schon öfter nachgestellt habe, lauerte ihr am 19. März mit seinen jüdischen Komplizen im Březina-Wäldchen auf. Anežka sei durch Schläge auf den Kopf betäubt und ihr sei eine Schlinge um den Hals gezogen worden, um sie vom Weg zu zerren. Schließlich habe man ihr eine tiefe Halswunde beigebracht und sie ausbluten lassen, um das Blut aufzufangen. Diese Interpretation baute jedoch auf keinen festen Grund. Der Schlosser Petr Pešák fungierte in dieser Sache als Kronzeuge. Er behauptete, er habe eindeutig Hilsner mit zwei Männern noch kurz vor der Tat bei dem Wäldchen gesehen – auf eine Distanz von etwa 700 Metern, was nachweislich zu weit entfernt war, um jemanden klar zu identifizieren.2 Weitere Zeugen gaben an, Hilsner besäße ein großes Messer, andere meinten, dieselben Fremden wie Pešák mit Hilsner gesehen zu haben. Doch auch diese Aussagen waren von wenig Gehalt, denn sie widersprachen einander teilweise und die Beschreibungen der angeblichen Mittäter orientierten sich stark an antisemitischen Klischees.3 Obwohl Hilsner nicht des „Ritualmordes“ angeklagt war, da eine solche Anklage juristisch gesehen nicht existierte, diente die Legende als das fehlende Motiv für die Tat.
Die Medien hatten nicht nur auf die Wahrnehmung des Prozesses große Auswirkungen, sondern wie im Fall des Deutschen Volksblatt auch auf dessen Verlauf. Die selbstbekennend antisemitische Zeitung aus Wien hatte sich auf den Fall gestürzt und lieferte den ganzen Prozess über zweimal täglich ausführliche Artikel, in denen über die Ereignisse im Gericht berichtet wurde. Darüber hinaus hatte man eigene Untersuchungen angestellt,4 weshalb ihr Redakteur Hans Arnold Schwer als Zeuge vorgeladen wurde und somit aktiv Einfluss auf den Prozess nahm. Obwohl die Zeitung nicht direkt von Ritualmord sprach, so reproduzierte man doch die Legende durch Betonung der vermeintlichen Blutleere der Leiche und durch Misstrauen säende Verweise auf die öffentliche Anteilnahme von jüdischen Bürgern und Bürgerinnen am Schicksal Hilsners. Die so genannte jüdische Presse wurde fortwährend kritisiert mit dem Vorwurf, man unterschlage den Lesern wichtige Informationen, obgleich das Deutsche Volksblatt die Narrative seinerseits durch seine Darstellung und Auslassungen von entlastendem Material entscheidend verzerrte. Am 16. September, am Tage der Verkündung des Urteils, erschienen in der Zeitung die Worte: „Aus diesem Saale geht nun der Ruf hinaus in die ganze Welt, der laute Schrei, daß unter der menschlichen Gesellschaft Leute sind, welche morden, des Blutes wegen.“5 Es handelt sich dabei um ein Zitat von Baxa, welches die Zeitung fett druckte, um diesen Teil seiner Rede besonders hervorzuheben. Die darauf folgende Rede des Verteidigers Auředníček druckte die Zeitung gar nicht erst ab.

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