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Tomáš G. Masaryk

Im Zeitraum zwischen den zwei Prozessen gegen Hilsner tat sich der tschechische Universitätsprofessor und Politiker Tomáš Garrigue Masaryk besonders hervor als einer derer, die das Urteil entschieden anfochten. Masaryk, der sich politisch für die tschechische nationale Sache betätigte und nach dem Weltkrieg erster Präsident der Tschechoslowakei werden sollte, hatte den Prozess von Kutná Hora mitverfolgt und sich nach dessen Ende intensiv mit den Gerichtsakten beschäftigt. In zweien seiner Werke, der Broschüre Die Nothwendikeit der Revision des Polnaer Processes von 1899 und dem Buch Die Bedeutung des Polnaer Verbrechens für den Ritualaberglauben von 1900 attackierte er die Unstimmigkeiten und wissenschaftlichen Unzulänglichkeiten des Verfahrens und nahm eine klare Haltung gegen Antisemitismus und die Ritualmordlegende ein. Er verurteilte die antisemitische Berichterstattung aufs Schärfste und gestützt auf Prozessprotokolle und den Obduktionsbericht argumentierte er, dass der Mord unter anderen Umständen als denen, die im Prozess vorausgesetzt wurden, hätte geschehen können und dass die Angaben der Gerichtsärzte mangelhaft seien. Für ihn wiesen die Indizien vielmehr darauf hin, dass Anežka nicht am Fundort der Leiche getötet wurde, welches die geringe Blutmenge vor Ort erklären würde.
Im Zentrum seiner Untersuchungen stand damit die Kritik an der Vorgehensweise des Gerichts und den antisemitischen Narrativen von Personen wie Karel Baxa, nicht die direkte Verteidigung der Person Hilsners. Masaryks Eingreifen in den Diskurs zog persönliche Konsequenzen nach sich; die Äußerungen in seiner Broschüre lösten unter der Studentenschaft Unruhen aus und führten zu Demonstrationen und Störungen seiner Vorlesungen, die seine Tätigkeit als Professor zeitweise einschränkten.1 Wie bereits bei Hilsner und Dreyfus geschehen, wurde Masaryk bisweilen in antisemitischen Darstellungen mit Émile Zola gleichgesetzt, der im Jahr 1898 mit seiner Schrift J’accuse…! für Dreyfus eingetreten war und die Justiz in Frankreich angeprangert hatte.2 Trotz solcher Anfeindungen setzte Masaryk sich weiterhin für eine Revision des Prozesses und gegen den wachsenden Antisemitismus in Tschechien ein, was tatsächlich zu der Neuverhandlung im Fall Hilsner im November 1900 beitrug.3

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