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Der Opferkult um Anežka Hrůzová

Ein Kult entwickelt sich um eine Person herum durch Verehrung. Der Totenkult ist eine Form der Erinnerungskultur. Wir sprechen hier von einem Opferkult, der sich um die 19-jährige Anežka Hrůzová entwickelte. Er begann mit einem aufwändigen Begräbnisritual. Die Mutter von Anežka bezahlte für die Beerdigung 90 Tschechische Kronen, eine unüblich hohe Summe für die damalige Zeit.1
Das Grab war reich geschmückt mit vielen Blumen und christlichen Symbolen. Anežka wurde schnell als Märtyrerin verehrt, die unschuldig dem Juden Leopold Hilsner und eventuellen Mittätern zum Opfer gefallen sein soll. So wollte es zumindest die Volksgemeinschaft sehen. Schnell sprachen sie sich gegen Hilsner aus. Sogar die Mutter Anežkas erhob Vorwürfe gegen ihn. So habe Anežka ihr erzählt, dass sie Angst vor Hilsner hätte. Diese Aussage konnte allerdings nicht durch Freundinnen oder Freunde von Anežka bestätigt werden.2
Die Frau des Ortsvorstehers Johanna Vomela aus Malá Věžnice sagte aus, dass Hilsner sie an dem mutmaßlichen Mordtag, Mittwoch Abend überfallen hätte.3 Hilsner hätte sie mit Anežka verwechselt, denn er solle auf sie gewartet haben. Dass es ähnliche Mordfälle in der Umgebung von Polná gab, wurde bei der Untersuchung des Falls außer acht gelassen. Kurz vor dem Mord an Anežka war eine anderes Mädchen verschwunden und, auf ähnliche Art und Weise getötet, später aufgefunden worden. Diese Tat an der 23-jährigen Klimová schrieb man einem unbekannten Mann zu, der sich in den Wäldern umhergetrieben habe. Im Vergleich zu Anežkas Fall gab es sowohl Parallelen als auch Unterschiede.
Auch der Möglichkeit, dass sich der Mord an einem anderen Ort hätte ereignen können, wurde nicht gründlich nachgegangen.4
Die Vermutung des anderen Tatorts kam auf durch das Hemd um Anežkas Hals. Wozu sollte der Täter den Hals umwickelt haben, wenn nicht dafür, dass kein Blut beim Transport der Leiche heruntertropfte.5
Trotzdem hatte sich der Volksmund schon auf einen “jüdischen Ritualmord” geeinigt. Der Kult um Anežka wurde popularisiert durch den Vertrieb und die Verteilung von Postkarten mit christlichen Symbolen und Andachtsorten.