Weitere Kapitel zum Thema:

Postkarten

Lied

Rezeption nach den Prozessen

Navigation: Polná > Mediale Verbreitung > Zeitungen

Zeitungen stürzten sich auf den Mordfall in Polná

Die Nachricht über ein ermordetes christliches Mädchen im tiefsten Böhmen verbreitete sich rasch in den lokalen wie überregionalen Zeitungen. Schon am 12. April 1899 veröffentlichte das Deutsche Volksblatt einen detaillierten Bericht über die Ereignisse und die Vermutung, dass die Tat zunächst vertuscht werden sollte, da eine tschechisch-antisemitische Zeitung konfisziert worden sei, die bereits darüber berichtet habe. Tatsächlich wurden in den folgenden Jahren Zeitungen rückwirkend konfisziert, die von einem ‘Ritualmord’ sprachen, da der Staat diese Bezeichnung für die Tat nicht duldete.1 Das Deutsche Volksblatt war eine österreichische Tageszeitung, die zwischen 1889 und 1922 in Wien erschien und antisemitisch ausgerichtet war.2
Vier Tage später, am 16. April, machte sich der Kikeriki über die neuesten Entwicklungen lustig. Die 1861 in Wien gegründete Satirezeitung erschien regelmäßig und war mit ihrer Auflage von bis zu 25 000 Exemplaren sehr erfolgreich, jedoch stark antisemitisch. 1933 wurde die Zeitung verboten.3 Vermutungen wurden, wie für diese Zeitung üblich, zunächst ins Lächerliche gezogen und auf diese Weise der angebliche Wunsch der Juden nach einem christlichen Ritualmord erzählt. In diesem Fall handelt es sich um die Zeitung Dr. Bloch’s Österreichische Wochenschrift des Publizisten und Politikers Joseph Samuel Bloch (1850–1923), der sich in seinen Veröffentlichungen stark gegen den wachsenden Antisemitismus aussprach.4
Im Verlauf der nächsten Monate verbreiteten sich gerade in der antisemitischen Presse, auch in katholischen und tschechischen Blättern, die neuesten Ereignisse in dem Fall. Besonders groß war die Berichterstattung zu den Prozessen im Oktober 1899 und November 1900. Auffallend ist die tschechische Zeitung Kurýr, die versuchte, Leser*innen mithilfe von Zeichnungen zu gewinnen, die Situationen aus den Gerichtssälen präsentierten. Solche Zeichnungen konzentrierten sich meistens auf die Darstellung von Stimmungen und vermittelten so ein spezifisches Bild vom Prozess. Der Kurýr folgte zur Zeit der Jahrhundertwende dem steigenden Trend einer auf Sensationen ausgerichteten Bildpresse und passte seine Themen an das Prager Publikum und seinen Überzeugungen an.5
In der allgemeinen Berichterstattung wurden oft anders gesinnte Zeitungen angegangen, die als sogenannte Judenpresse betitelt wurden. Hierbei handelt es sich um Zeitungen, die neutral berichteten oder in deren Artikeln für Hilsner plädiert wurde. Eine besondere Verdichtung erfuhren diese Situationen in Karikaturen. Beide Fronten attackierten sich in ihrer Berichterstattung stetig und gerade die jüdische Presse versuchte zu vermitteln, dass dieser Mythos vom jüdischen Ritualmord nicht in die moderne Zeit passe.6 Neben Darstellungen der Käuflichkeit von Prozessbeteiligten wurden andersgesinnte Zeitungen von der antisemitischen Presse als Involvierte im jüdischen Komplott dargestellt. Selbst nach der Begnadigung Leopold Hilsners wurde über ihn berichtet. Auch Hilsner selbst vermarktete sein Schicksal in der Presse, indem er nach seiner Entlassung Interviews gab und über sein Leben und Leiden erzählte.

Exponate zum Thema