Weitere Kapitel zum Thema:

Erster Prozess

Dreyfus

Tomáš Masaryk

Navigation: Polna > Prozesse > Zweiter Prozess

Zweiter Prozess

Etwa ein Jahr nach Ende des ersten Prozesses musste sich Hilsner erneut vor Gericht verantworten, dieses Mal im südböhmischen Písek. Der Prozess dauert vom 25. Oktober bis zum 14. November, umfasste 17 Verhandlungstage und endete mit einem erneuten Todesurteil für Hilsner. Dieses Mal war er nicht nur der Beteiligung am Mord an Anežka Hrůzová angeklagt, sondern auch am Mord an Marie Klímová, einer junge Frau, die 1898 verschwunden und deren Leiche im Oktober ebenfalls im Březina-Wald aufgefunden wurde. Die Frage nach Hilsners angeblichen Mittätern hatte inzwischen ein neues Maß an Dringlichkeit erhalten, da Hilsner während seiner Zeit im Gefängnis ein Geständnis abgegeben und die Namen von zwei Männern genannt hatte. Diese Aussage nahm er später zurück und die beiden Verdächtigen, Joshua Erbmann und Solomon Wassermann, hatten nachgewiesene Alibis, was die Frustration derjenigen, die fest an Hilsners Schuld glaubten, weiter steigerte.1
Trotz der Kritik am ersten Prozess durch liberale Zeitgenossen wie Tomáš Masaryk setzten sich einige Probleme in der zweiten Verhandlung fort, während neue dazu kamen. Anderthalb Jahre waren seit dem Mord an Anežka Hrůzová vergangen, eine Zeit in der antisemitische Medien und das falsche Geständnis Hilsners die Zeug*innen beeinflussen konnten. Tatsächlich gab es unter ihnen einige, die sich nun präziser an Details erinnern wollten als im Jahr zuvor, sodass Hilsners Messer nun zu einem Schächtermesser wurde. Gleichwohl gab es weiterhin keinen entscheidenden Beweis für Hilsners Schuld und die Vertrauenswürdigkeit der Zeugenaussagen blieb mehr als fragwürdig. Zumindest die angebliche Blutleere der Leiche war durch ein Fakultätsgutachten der Prager Universität widerlegt worden.2
Die Aufarbeitung im Fall Klímová erwies sich auf andere Art als schwierig, da ihre Leiche stark verwest war und nicht viele Anhaltspunkte zur Art des Todes bestanden. Hilsners Schuld versuchte man dadurch nachzuweisen, dass er sie gekannt und an ihr Interesse gehabt habe und für den wahrscheinlichen Zeitpunkt ihres Todes laut Zeugen kein Alibi besaß. Letztendlich wurde Hilsner am 14. November in beiden Fällen im Anklagepunkt der Mittäterschaft für schuldig erklärt und zum Tode verurteilt. Dieses Urteil wurde am 11. Juni 1901 in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt, bis Hilsner am 24. März 1918 begnadigt wurde.

Während der vorsitzende Staatsanwalt in Písek verneinte, dass es sich um einen Ritualmord handle, hielt Karel Baxa, der Anwalt der Familie Hrůzová, an seiner Position fest. Am 13. November zitierte das Deutsche Volksblatt, wie er in seinem Plädoyer erneut explizit auf den „Ritualmord“ einging. Seine Formulierung gleicht derer, die die Zeitung bereits 1899 abgedruckt hatte, mit einer klaren Aussage: Alle Welt solle wissen, dass in Polná junge Christinnen bewiesenermaßen für ihr Blut getötet wurden, ein anderes Motiv käme gar nicht in Frage.3
Weder das Fakultätsgutachten, noch anderweitige Kritik an der Verhandlung hatten die Ritualmordlegende aus dem Gerichtssaal oder aus den Köpfen der Leute verbannen können. In antisemitischen Kreisen meinte man, eine jüdische Verschwörung zu wittern. Man sprach vom „Hilsner-Syndikat“4 und stellte so Masaryk und andere öffentliche Gegner der Ritualmordanschuldigung und Verteidiger Hilsners als eine suspekte Organisation dar, die versuche, Gerechtigkeit in diesem Prozess zu vereiteln. Hilsners falsches Geständnis wurde hochgehalten mit der Behauptung, er habe nur nicht die richtigen Namen genannt. Antisemitische Zeitungen spiegelten eine Ansicht der Ereignisse wider, in der sie selbst die verfolgten und bedrohten Entdecker der Wahrheit waren, während sie in Wirklichkeit die mediale Hetze gegen Juden und Jüdinnen vorantrieben und die Tatsachen verdrehten. Das Gericht hatte durch die Verurteilung Hilsners unweigerlich die Ritualmordlegende und die Weltanschauung der Antisemiten unterstützt, die den Prozess und die Reaktionen darauf benutzten, um ihre Narrative von korrupter Presse und jüdischen Verbrechen weiterzuspinnen.

Exponate zum Thema