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Der Ritualmordvorwurf von Polná: Die Hilsner-Affäre

Am Ostersamstag 1899 wurde die 19-jährige Anežka Hrůzová ermordet im Březina-Wald nahe Polná aufgefunden, nachdem sie drei Tage zuvor, am 29. März, nicht von ihrer Arbeit in ihr Heimatdorf Malá Věžnice zurückgekehrt war.
„Das Mädchen wurde koschiert!“1 So oder ähnlich riefen die anwesenden Menschen bei der Entdeckung der Leiche Berichten zufolge. Anežkas Kleidung war zerrissen und an ihrer Kehle ein Schnitt. Schnell fiel der Verdacht auf den in Polná lebenden Juden Leopold Hilsner (1876–1928), welcher, als Lebemann und Tunichtgut, einen schlechten Ruf unter der lokalen Bevölkerung hatte. Eines stand für das kleine Örtchen im böhmischen Land – rund 130 Kilometer östlich von Prag – mit etwa 5000 Einwohner*innen definitiv fest: Anežka wurde von Mitglieder*innen der jüd. Gemeinde umgebracht und die sogenannte Stimme des Volkes sorgte für die Verhaftung von Leopold Hilsner. Obwohl auch die eigene Familie der Ermordeten unter Verdacht stand, konzentrierte sich die Untersuchungskommission auf Hilsner.2 Zwar wurden im Laufe der Ermittlungen keinerlei Beweise gefunden, dennoch waren Viele am Ort von seiner Schuld überzeugt oder lieferten vermeintliche Augenzeugenberichte.
Für die jüdische Bevölkerung änderte sich die Lage nun drastisch. Vor der Tat standen sie in einem neutralen, eher unproblematischen Verhältnis zur Umgebungs-Bevölkerung, obwohl die Zeit durch das Aufkommen der tschechischen Nationalbewegung und zunehmendem Antisemitismus geprägt war. Mit der Beschuldigung Hilsners und der Bestätigung der örtlichen Ärzte, dass die Leiche blutleer sei, wurden die 212 Jüdinnen und Juden Opfer von Hass und Ausschreitungen. Die Berichterstattung in dem Mordfall expandierte schnell und der Vorwurf eines “jüdischen Ritualmordes” ging weit über die Grenzen von Böhmen und Mähren hinaus. Das Medium der Postkarten wurde hierfür exzessiv genutzt. Die Affäre entwickelte sich im Verlauf zu einer Staatsangelegenheit.3
Im September 1899 kam es zum ersten Prozess in Kutná Hora (Kuttenberg). Während der fünf Prozesstage wurden zahlreiche Zeug*innen angehört und das mediale Interesse war enorm. Antisemiten, darunter besonders der Vertreter der Nebenklage, Karel Baxa, nutzten den Prozess, um ihre Ansichten einem breiten Publikum mitzuteilen. Leopold Hilsner wurde am Ende dieses Prozesses zum Tode verurteilt. Der Kronzeuge der Anklage, Petr Pešák, wollte ihn und zwei unbekannte Mittäter aus einer Entfernung von 700 Metern gesehen haben, weshalb diese in Abwesenheit verurteilt wurde. Die Verteidigung ging in Revision und immer mehr Personen beschäftigten sich mit dem Fall. Tomáš Garrigue Masaryk (1850–1937), später erster Präsident der Tschechoslowakei, veröffentlichte zwei Broschüren zu dem Fall und argumentierte damit, dass es notwendig gewesen sei, die tschechische Ehre wiederherzustellen. Er verdeutlichte, dass viele Hinweise auf den wahren Täter ignoriert wurden. Die medizinische Fakultät der Universität in Prag untersuchte die Obduktionsberichte und unterstützte Masaryks Argument der schlechten Aufarbeitung.4
Im November 1900 begann der zweite Prozess in Písek. Leopold Hilsner wurde hier nicht nur im Fall Anežka Hrůzová angeklagt, sondern auch im Mordfall der 1898 tot aufgefundenen Maríe Klímová aus Malá Věžnice. Ihre Ermordung wies ähnliche Merkmale auf und obgleich Hilsner ein Alibi hatte, wurde er angeklagt. Nach 17 Prozesstagen kam es zum Urteil: Tod durch den Strang. Nicht nur wurde Hilsner zweimal zum Tode verurteilt. Es ist auch der einzige Fall, in dem ein Ritualmordvorwurf in einem modernen Rechtssystem mit einem Todesurteil endete. Jedoch hatte Leopold Hilsner Glück im Unglück. Rund ein halbes Jahr später änderte der österreichische Kaiser Franz Josef I. das Urteil in eine lebenslange Haft um. Er beugte sich der intensiven Berichterstattung und den Interventionen aus anderen Ländern. In den folgenden Jahren wurde immer wieder versucht, den Fall neu aufzurollen. Erst im Frühjahr 1918 wurde Hilsner auf Erlass des letzten Kaisers Österreichs freigelassen, welchernach der Geburt seines vierten Kindes mehrere Häftlinge begnadigte. Freigesprochen wurde Hilsner nicht. 1998 rehabilitierte Tschechien Hilsner symbolisch, jedoch fehlt eine vollständige Rehabilitation bis heute – sowohl in Tschechien als auch in Österreich. Leopold Hilsner lebte nach seiner Freilassung zehn Jahre in Wien, Prag und seinem Heimatort Velké Meziříčí unter dem Namen Leopold Heller. Er starb im Januar 1928 an einer Krebserkrankung, welche vermutlich auf die Haftbedingungen zurückzuführen war.
Wer Anežka Hrůzová ermordete, ist bis heute nicht geklärt, jedoch gab es Gerüchte, wonach es ihr eigener Bruder gewesen sein soll.5

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