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Die Entstehung des Kultes

Rund um den angeblichen Ritualmord des Anderl von Rinn entstand ein lokaler Kult, der möglicherweise schon um das Jahr 1500 agierte, jedoch vor allem durch die Werke von Hippolyt Guarinoni geprägt und vorangetrieben wurde. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nahm die Feindschaft gegenüber der jüdischen Bevölkerung in der Region um Innsbruck zu. Allerdings deuten die Quellen darauf hin, dass der Kult vorrangig in der Stadt Rinn praktiziert wurde und sich später auf andere Gebiete ausweiten konnte. Im Jahr 1621 fand in Hall das erste Anderl-Spiel statt, ein Theaterstück, das die Legende um Anderl thematisierte.1 Da es in Tirol und Umgebung Wallfahrtsstätten gab, die deutlich beliebter bei der Bevölkerung waren (wie beispielsweise die Wallfahrtsstätte von Simon von Trient), blieb der Kult zunächst lokal beschränkt.2
1670/1671 wurde die Kirche „Judenstein“ bei Rinn eingeweiht und im Jahr 1744 kamen die neu eingefassten Gebeine des Anderl in einer feierlichen Prozession dorthin zurück, um auf den Hochaltar gebettet zu werden. Der Kult um Anderl von Rinn wurde am 22. Februar 1755 mit der Päpstlichen Bulle Constitutio Beatus Andreas von Benedikt XIV. offiziell erlaubt.3 Tatsächlich wurde vorwiegend der vermeintliche Todestag von Anderl, der 12. Juli, jährlich mit einer Prozession gefeiert. Nachdem die Verehrung einige Zeit stagnierte, trat sie im späten 19. Jahrhundert wieder verstärkt auf. Ein Beispiel hierfür ist die im Jahr 1893 erschienene Schrift Vier Tiroler Kinder, Opfer des chassidischen Fanatismus des Wiener Pfarrers Josef Deckert, der weit über die Region hinaus für seinen Antisemitismus bekannt war.4
Im Mai 1900 wurden die Gebeine des Anderl vom Hochaltar gestohlen, konnten allerdings bereits im August 1901 in der Kirche wieder feierlich aufgestellt werden. Zudem bildete sich um die Legende des angeblichen Mordes an dem kleinen Anderl eine schriftlich vermittelte Tradition. Es entstanden etliche literarische Fassungen des sogenannten Ritualmordes an Anderl. Vor allem geprägt durch den antisemitischen Einfluss von Kirchenvertretern, neben Josef Deckert auch durch den Tiroler Seelsorger Josef Praxmarer, wurden diese Erzählungen im 19. Jahrhundert erneut in Anderl-Spielen veranschaulicht, mittlerweile nicht nur mehr in Rinn, sondern auch in vielen anderen Tiroler Orten. So waren unter anderem Statuen des Anderl an Wohnhäusern angebracht worden. Des Weiteren wurden ihm Inschriften, Gebete und Lieder gewidmet. Auch die Kunst thematisierte den Anderl-Kult, so entstanden diverse Fahnen- und Votivbilder sowie Verarbeitungen in kleineren Figurengruppen und Statuen. Neben dem alljährlichen Gedenktag und der damit verbundenen Prozession entwickelten sich im 20. Jahrhundert auch noch zahlreiche andere Volksfesten, Wallfahrten sowie Familien- und Schulausflüge.5
Die Alltagskultur in Rinn und Umgebung wurde durch den Kult auf spezifische Art geprägt. Insbesondere setzte sie sich in über 300 Jahren im Gedächtnis der Bevölkerung in Tirol und darüber hinaus fest. Kirchliche Autoritäten wie Päpste, Bischöfe, Äbte und Pfarrer hatten entscheidenden Anteil daran, dass die Anbetung Anderls sich vor Ort so nachhaltig etablieren konnte. So fand die Anderl-Legende Eingang in die regionalen Sagensammlungen, am wirkungsvollsten war hier sicherlich die Aufnahme der Legende in die Deutschen Sagen der Brüder Grimm.6
Während des Nationalsozialismus wurde die Legende des Anderl von Rinn ein weiteres Mal wiederbelebt und vom Regime zu Propagandazwecken genutzt. So wurden in Tirol auch Theaterstücke rund um die Sage des kleinen Anderl aufgeführt. Heinrich Hoffmann, der Leibfotograf Hitlers, machte Aufnahmen der Kirche von Judenstein. Das Regime sah in der Anderl-Verehrung den „Beweis für einen natürlichen und ‚gesunden‘ Antisemitismus des einfachen Volkes, die damit wohlwollende Duldung erfuhr.“7
Im Jahr 1944 wurde die Kirche Judenstein mit der Unterstützung der NS-Behörden renoviert.8

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