Navigation: Anderl von Rinn > Entstehung des Kultes > Gottfried Melzer

Gottfried Melzer

Obwohl sich die katholische Kirche darum bemühte, den Anderl-Kult im 20. Jahrhundert schrittweise zu beenden und deutlich auf Distanz zu ihm ging, beeindruckte dies die Anhänger*innen des Kultes nur wenig. Zu denjenigen, die weiterhin alljährlich am 12. Juli eine Prozession zum Andenken des angeblichen Todestags des Anderl abhalten, gehörte bis vor kurzem auch Gottfried Melzer. Melzer (1932–2013) war ein Kaplan, bis er von Bischof Reinhold Stecher aufgrund seiner antisemitischen Betätigung suspendiert wurde. Dem Geistlichen im Ruhestand zu Seite standen der Theologe Robert Brandner und der ehemalige Bischof von St. Pölten, Kurt Krenn. Alle drei beharrten darauf, dass es jüdische Ritualmorde gegeben habe und der Mord an Anderl eben keine Fiktion und deshalb das Kind als Märtyrer zu verehren sei.1 So zeigt der Kult allerdings auch, wie leicht Vorurteile gegenüber Juden und Jüdinnen in der Region Rinn am Leben gehalten werden konnten.
Melzer verdiente seinen Lebensunterhalt wohl mit dem Handel von Anderl-Devotionalien, außerdem war er Inhaber des Verlages Anderl-Bote, über den er zahlreiche antisemitische Schriften verbreitete. Im Jahr 1991 veröffentlichte er im weit rechtsstehenden Verlag Pro Fide Catholica (“für den katholischen Glauben”, womit fälschlich Nähe zur Amtskirche suggeriert wird) ein Buch, in welchem er die angeblichen Beweise für ein wunderbares Wirken des Anderl zusammentrug.2 Bereits einige Jahre zuvor, im Jahr 1985, setzte sich Melzer in dem regelmäßig erscheinenden Loreto-Boten dafür ein, das Gedenken an Anderl fortzusetzen und drohte all jenen die Strafe Gottes an, die gegen Anderl Partei ergriffen. Im Loreto-Boten werden unter anderem die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) abgelehnt. Diese Reformen zielten auf Themen wie die Religionsfreiheit und den Einfluss nichtchristlicher Religionen in der Moderne.3
Zudem vertrieb Melzer Bildkarten und Litaneien. Unter dem Titel Litanei zu Ehren des heiligen Märtyrers und unschuldigen Kindes Andreas von Rinn preist er Anderl. So heißt es zum Beispiel: Heiliger Andreas von Rinn, / Du Kind der Gnade, / Du Liebling der Vorsehung, / Du Zierde des Vaterlandes, / Du Licht der Kirche von Rinn, / Du Schutzpatron deiner Gemeinde, / Du Spiegel der Unschuld, / Du Trost der Bedrängten, / Du glorreicher Himmelsknabe, / Du wunderbarer Martyrer.4 Gottfried Melzer wurde im Jahr 1998 aufgrund seiner Schriften im Loreto-Boten vor Gericht gestellt und der Volksverhetzung für schuldig befunden.5 Er verstarb im Jahr 2013 in Bad Hall.

Exponate zum Thema