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Der Judenstein bei den Brüdern Grimm

„Den zerstochenen Leichnam hingen sie darnach an einen unfern einer Brücke stehenden Birkenbaum.”1 So beschreiben die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die vorrangig für ihre Märchenbände bekannt sind, in ihrer veröffentlichten Sammlung deutscher Sagen aus dem Jahr 1816 einen Kindsmord in Tirol.
Die Sage Der Judenstein behandelt in Kurzform die von Hippolyt Guarinoni verfasste Geschichte zur Ritualmordlegende um das dreijährige Kind Anderl von Rinn, welches angeblich von einer Gruppe Juden zu religiösen Zwecken umgebracht worden sein soll. Zentrale Elemente der Ursprungslegende finden bei den Grimms Einzug: unter anderem die drei frischen Blutstropfen auf der Hand der Kindsmutter als göttliches Zeichen sowie das sich in Laub verwandelnde Geld, mit welchem die Juden das Bauernkind abgekauft haben sollen. Namen, mit Ausnahme der Ortsangabe, finden allerdings keine Erwähnung. Weder das beschriebene Kindsopfer, noch die Mutter oder die Täter werden genauer beschrieben. Dass Juden die Täter gewesen sein sollen, wird lediglich einmal zu Beginn vermerkt   und mit dem typischen Spezifikum verknüpft: Ein reicher Jude bietet dem armen (nicht-jüdischen) Bauern Geld für sein Kind an. Veränderungen erfährt die Grimmsche Sage im Vergleich zu früheren Fassungen jedoch im Familienbild rund um das ermordete namenlose Kind. Entgegen Guarinonis Erzählung nimmt nicht der Taufpate das Geld der Juden entgegen, sondern der Vater. Dieser stirbt, nachdem ihm bewusst wird, dass er sein Kind für verzaubertes Geld hergegeben hat. Aufnahme fand jedoch die im frühen 19. Jahrhundert praktizierte Huldigung dieses Kindes, denn es „wird vom Volk als ein heiliges Kind betrachtet.”2 Auch die Benennung des angeblichen Tatortes in Judenstein wird in der Sage gleich am Anfang angegeben.
Die Brüder Grimm gelten als die „ersten Germanisten”, trugen mehrere Sagen, Märchen und Geschichten zusammen und veröffentlichten 1812 den ersten Band Haus- und Kindermärchen, der zweite folgte 1815. Während die Märchen als Erziehungsliteratur für Kinder betrachtet werden, sind die Deutschen Sagen an „den Liebhaber[n] deutscher Poesie, Geschichte und Sprache”3 adressiert. Dadurch wird suggeriert, dass es sich bei der Geschichte Der Judenstein durchaus um eine Wiedergabe wahrer Begebenheiten handelt, denn „die Sage, […], hat noch das Besondere, daß sie an etwas Bekanntem und Bewußtem hafte, an einem Ort oder einem durch die Geschichte gesicherten Namen.”4
Dass ausgerechnet dieses Narrativ aus dem deutschsprachigen Raum Einzug in die Grimmsche Sammlung fand, ist sicherlich kein Zufall. Zum Zeitpunkt der Entstehung der beiden Bände war der antijüdische Anderl-Kult in Tirol weit verbreitet. Grundsätzlich konnten nicht nur schriftliche, sondern auch mündliche Quellen Aufnahme in die Sammlung finden. Dies gilt auch für die Geschichte Der Judenstein, die die Brüder Grimm nach eigenen Angaben aus mündlichen Quellen in Wien sowie aus zwei schriftlichen Überlieferungen kannten und unverfälscht aufgeschrieben haben wollen.
Diese zusammengetragenen Texte gehören heute zum Volksgut und den Volksweisheiten im deutschsprachigen Raum. Dass die Deutschen Sagen „ein Volksbuch werde, ist unser großer Wunsch” und „[a]lles getreu und wahr ohne Zusatz”5 sei, betont Wilhelm Grimm in einem Brief an den unbekannteren Bruder Ferdinand Philipp Grimm vom 26. Februar 1816. Durch die Aufnahme und Darstellung angeblich durch Juden ausgeübten Ritualmorde wird zugleich der durch die Tradition vermittelte Hass gegenüber einer andersgläubigen Gruppe in das populäre Werk hinein transportiert. Ein germanistisch-wissenschaftlicher Diskurs, ob den Brüdern Grimm Antijudaismus unterstellt werden kann, besteht aktuell. Sowohl private Korrespondenzen als auch die Sagen und Märchen stehen dabei im Fokus der Untersuchungen.6

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