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Hippolyt Guarinoni: Erfinder der Anderl-Legende (?)

Ohne Hippolyt Guarinoni hätte es keine Anderl-Legende gegeben. So gewagt diese Aussage auch klingen mag, sie hat in der Tat ihre Berechtigung.
Hippolyt Guarinoni (18.11.1571–07.01.1654) wurde in Trient geboren, kam aber dann nach Tirol und besuchte dort zunächst das Haller Jesuitengymnasium, was den Grundstein für seine guten Beziehungen zum Jesuitenorden legte. Anschließend arbeitete er als Arzt, Historiograph, Schriftsteller und war am österreichischen Hof tätig, womit seine Beziehungen zur bedeutenden weltlichen Gesellschaft garantiert wurden. Für seine schriftstellerischen Tätigkeiten werden ihm diese Verbindungen Zugang zu diversen Bibliotheken, Archiven oder anderen Quellen geboten haben.
Zeit seines Lebens galt Guarinoni als großer Gegenreformator, was sich auch deutlich in seinen Schriften widerspiegelte.1 Als sein Hauptwerk gilt bis heute Die Grewl der Verwüstung menschlichen Geschlechts, mit dem er einen wesentlichen Teil zur Hygieneforschung im 17. Jahrhundert beitrug.2
Während diese Schrift auf seinen Beruf als Mediziner zurückzuführen ist, fußt sein Interesse an angeblichen jüdischen Ritualmorden wohl eher in seiner Herkunft. Zu vermuten ist, dass er mit der Legende um Simon von Trient schon in seiner frühen Kindheit in Berührung kam, da er dort schließlich geboren wurde und aufwuchs. 1637 gehörte er außerdem zu jener Ärztegruppe, die eine medizinische Untersuchung am Leichnam Simons vornahm. Über diese Erfahrung berichtete er ausführlich, insbesondere über die 5812 Wunden, die er am Leib des Kindes gefunden haben wollte.3
Wenn man Guarinonis eigenen Aussagen vertraut, fing er schon 1619 an, sich mit der Legende des Anderl auseinanderzusetzen.4 Die erste bekannte Auseinandersetzung mit dem Thema fand dann im Haller Jesuitengymnasium statt. 1621 führten die Schüler dort ein Theaterstück über den vermeintlichen Märtyrertod des Anderl auf. Zwar wurde Guarinonis Mitwirken an dem Stück nie zweifelsfrei nachgewiesen, gilt heute aber als äußerst wahrscheinlich.5
Unumstritten aus seiner Feder stammt hingegen das sogenannte Triumph-Lied, ein 73 Strophen umfassendes Verswerk, welches er auf eine damals bekannte Melodie dichtete und durch eine Bilderfolge von insgesamt fünf Blättern à vier Bildern ergänzte, auf denen die Geschichte in ihren Grundzügen ebenfalls wiedergegeben wurde.
Diese Version der Anderl-Legende wurde 1642 gedruckt, diverse Male neu aufgelegt und gilt heute als wichtigste Grundlage für die literarische Weiterverarbeitung der Erzählung. Guarinonis umfassendste Beschäftigung mit dem Thema, die sogenannte Historj, stellte er allerdings erst neun Jahre später fertig. Die Handschrift liegt aktuell im Archiv des Stiftes Wilten in Innsbruck. Hier berichtet Guarinoni auch davon, wie er von der Legende erfahren haben will. So soll seine Frau ihm von einer Geschichte erzählt habe, laut derer Juden einen Jungen im kleinen Dörfchen Rinn brutal ermordet hätten.6
Darüber hinaus war es Guarinoni, der den Bau der Kirche in Judenstein, anregte und mit plante. Sie wurde allerdings erst 1671, also nach seinem Tod, fertiggestellt.7 Noch bis zum heutigen Tag sind dort Deckenmalereien zum Anderl zu sehen. Außerdem gibt es zwei Gedenktafeln und vor dem Eingang einen Brunnen, den eine Anderl-Figur ziert.
Bis heute wird darüber spekuliert, warum Guarinoni sich so intensiv mit dem Thema befasst hat. Sicherlich spielte es eine Rolle, dass er in Trient geboren und mit der Simon-Geschichte aufgewachsen war. Doch auch seine religiöse Überzeugung, geprägt durch die enge Beziehung zum Jesuitenorden, wird ein entscheidendes Motiv für ihn gewesen sein. Auf der einen Seite, suchte er durch seine Werke dem Anderl jenes Recht zu verschaffen, von dem er immer wieder schreibt, und das er als Anlass für seine Arbeiten deklariert (sowohl im Triumph-Lied als auch in der Historj finden sich solche Anmerkungen). Auf der anderen Seite verschaffte er dem Dörfchen Rinn und der ortsansässigen Kirchengemeinde die Basis eines Wallfahrtskultes, der bis in die Gegenwart anhält und einen großen Anteil an der Bekanntheit des Ortes und der Kirche hat.8

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