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Die Anderl-Kirche und -Wallfahrt

Bereits aus der Antike sind Wallfahrten und Pilgerorte überliefert. Spätestens ab dem Mittelalter haben sie im Christentum eine besondere Rolle übernommen. Es gibt unterschiedliche Anlässe eine solche durchzuführen, die sich in den meisten Fällen überschneiden. Häufig sind Buße und Dankbarkeit dabei die ausschlaggebenden Beweggründe. Wallfahrten sind für alle gesellschaftlichen Schichten ein Ausdruck der Religionszugehörigkeit. Was aber, wenn eine Ritualmordlegende zur Hauptattraktion wird? Finden Wallfahrten im Normalfall zu Orten statt, an denen es Heiligenerscheinungen gegeben haben soll, so wird die Kirche in Judenstein bei Rinn, seit Jahrhunderten aufgesucht, weil dort ein kleiner Junge vermeintlich von Juden ermordet wurde.
Seit der Erlaubnis von Papst Benedikt XIV. im Jahr 1744 wird am 12. Juli alljährlich eine Feldmesse zum Andenken an Anderl gefeiert.1 Es handelt sich dabei um das sogenannte Andreas-Fest, welches in der Vergangenheit einen religiösen Höhepunkt dargestellt hat und auch heute noch von Bedeutung ist.2 Zu diesem Zwecke kommen Pilger*innen aus verschiedenen Ländern, vorrangig aus Deutschland, Italien und Österreich zur Kirche nach Judenstein.3 Reinhold Stecher, der bis 2013 amtierende Bischof der Innsbrucker Diözese, teilte den Anhängerkreis, in einem Interview von 1993, in vier unterschiedliche Gruppierungen: Die extremen Verehrer*innen der Anderl-Legende, welche an dem langjährigen Brauchtum hängen, die Traditionalisten, die allerdings weniger religiös sind, die Fundamentalisten, welchen andere Religionen fremd sind sowie die Alt- und Neonazis, die in der jüdischen Bevölkerung ein Feindbild sehen.4
Die Kirche in Rinn selbst wurde zu Ehren des Anderl und weiteren unschuldig ermordeten Kindern zwischen 1670 und 1671 nach Plänen errichtet, an denen Hippolyt Guarinoni beteiligt war.5 Im Inneren des Kirchenschiffs waren lange Zeit Votivbilder, Fresken und Gemälde sowie eine Gruppe aus lebensgroßen Figuren zu betrachten, welche den angeblichen Ritualmord an Anderl darstellen sollten. Immer wieder wurden später Gegenstimmen laut, die die Entfernung der Figurengruppe forderten. Im Laufe der Jahre wurden Renovierungen der Kirche notwendig, die 1969 zunächst das Innere und 1972 das Äußere des Gebäudes betrafen. Es kam jedoch immer wieder zu Widerständen, da Anderl-Anhänger*innen gegen eine Entfernung der Andenken waren. Deshalb blieben die Bemühungen, das Gebäude zu renovieren, bis 1985 erfolglos. Erst mit dem Einsetzen von Stecher als Bischof wurde die Kirche umgestaltet sowie die Umsegnung des ursprünglichen Namens Zum Hl. Apostel Andreas in Mariä Heimsuchung vorgenommen. Aber auch nach dem Verbot des Kultes im Jahr 1994 und der Aufhebung des Wallfahrtsortes pilgern bis heute noch Menschen zum Andreas-Fest nach Rinn.6
Bei den Messen finden Huldigungen des Anderl im Inneren der Kirche statt und Fürbitten in seinem Namen werden über Lautsprecheransagen auch außerhalb der Kirchenmauern wiedergegeben. Zur Anderl-Wallfahrt gehört auch eine Prozession zum sogenannten Anderl-Hof, einem im 17. Jahrhundert errichteten Bauernhof, der als Wohnort des vermeintlich ermordeten Kindes beworben wird. Bei dieser Gelegenheit wird eine Broschüre der Gemeinschaft der Anderl Verehrer in Rinn an die Teilnehmer*innen verteilt, der auch als Anderl Bote betitelt wird. Neben dem Bauernhof bietet ein Verkaufsstand in dieser Zeit kommerzielle Devotionalien an, für welche die Interessierten eine kleine Spende geben können.7 Die Ausgaben der Tourist*innen und Anderl-Anhänger*innen kommen dem Ort grundsätzlich zu Gute.
Angezogen von der Legende um den Ritualmord an Anderl pilgern also immer noch zahlreiche Menschen zur Kirche nach Judenstein bei Rinn. Durch Veröffentlichungen, beispielsweise in der Presse oder auf Social Media Plattformen, über die Wallfahrten und Prozessionen findet bis heute eine mediale Verbreitung des angeblichen Ritualmordes statt.

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