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Rezeption

Im Zeitalter der medial wirksamen Fake-News und Sozialen Medien hat auch die Anderl-Verehrung einen Platz gefunden. Trotz des Kultverbotes und der Umwidmung der Kirche in Judenstein, taucht Anderl regelmäßig in Foren oder Zeitungsartikeln auf. Sogar die Bücher des wegen seiner antisemitischen Äußerungen suspendierten Kaplans Gottfried Melzer können weiterhin erworben werden. Schaut man sich die Käufer*innen-Rezensionen beim Online-Versandhändler Amazon an, erkennt man schnell, dass Anderl selbst heute noch eine große Anhängerschaft hat, die auf die Historizität besteht und den Kult verbreiten will. Kritische Auseinandersetzungen finden dennoch statt. So schreibt ein/e Käufer*in, dass Amazon in der Pflicht stehe, „antisemitische Ware” zu kennzeichnen. Ein anderer äußert sich dazu abfällig und besteht auf der Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil bilden zu dürfen, auch gehe es nicht an, dass der „freie Geist” eingeschränkt werden. Der Schreiber betont, weder katholischen Glaubens zu sein noch mit dem Inhalt des Buches konform zu gehen und dass er uralte Dogmen, „die sich irgendwann einmal irgendjemand ausgedacht” habe, ablehne.
In den Sozialen Medien tauchte der Name Anderl besonders während der Landtagswahlen in Österreich auf und wurde auf Twitter gerne verwendet, um auf den verbreiteten Antisemitismus innerhalb der Bevölkerung aufmerksam zu machen. In anderen Sozialen Medien ist Anderl ebenfalls zu finden. So gibt es beispielsweise ein Profil auf Facebook, das sich „Anderle von Rinn“ nennt, sowie Verlinkungen zu Artikeln, die sich ganz klar gegen den Mythos aussprechen. Unter zum Artikel Kult um ‘Anderl von Rinn‘: Totgesagte leben länger von Sabine Wallinger, der im Dezember 2014 in der österreichischen Tageszeitung Der Standard erschien. Wallinger schildert in diesem ihre Eindrücke des bestehenden Kultes in Rinn, den sie als Journalistin zu Recherchezwecken mitverfolgt hat. So beschreibt sie die eine Feldmesse und die Verteilung von Broschüren der Gemeinschaft der Anderl-Verehrer in Rinn. Die Besucher*innen dieser Veranstaltung, die Wallinger als „unselig“ bezeichnet, stammen laut ihr vorrangig aus dem deutschen, italienischen und ostösterreichischen Raum. Der Prozessionszug wie der dort herrschende Verkauf diverser Devotionalien finden ebenfalls Erwähnung und auch Kritik. So könne man an Ständen zum Beispiel Melzers Schrift Das selige Kind Andreas von Rinn. Ein wahrer Märtyrer der katholischen Kirche oder auch Silbermedaillons preisgünstig kaufen. Allerdings schreibt sie auch, dass in den dort gelesenen Predigten eines Berliner Priesters die Wörter „Juden“ oder „Ritualmord“ nicht vorgekommen seien. Das Publikum wisse jedoch, dass hier nur eine bewusste Nichtnennung vorliege. Besucher*innen kommen in dem Artikel ebenfalls zu Wort. Von Holocaust-Leugner*innen bis Verschwörungstheoretiker*innen scheint die Besucherklientel reich abgedeckt gewesen zu sein.1
Zu diesem Eindruck passen auch diverse Postings, die sich auf dem katholischen Forum Gloria.tv finden lassen. Dort flammen regelmäßig Unterhaltungen unter einem Video auf, welches eine Kurzfassung der Legende aus offensichtlich antisemitischer Perspektive zeigt. Die anonymen User*innen tauschen sich über die noch immer stattfindenden Prozessionszüge durchweg positiv aus und posten Gebete für Anderl als Märtyrer des katholischen Glaubens. Über den Artikel von Wallinger wird sich echauffiert und auch hier werden Menschen jüdischen Glaubens nach wie vor als Tätergruppe angesehen und der Wahrheitsgehalt der Anderl-Legende nicht in Frage gestellt.
Eine Installation von 2017 im Auftrag des Tiroler Landesmuseums versuchte, mit dem Mythos Anderl aufzuräumen. Besucher*innen konnten hier die Geschichte rund um den Kult und dessen Auflösung durch eine aufwendige Smartphone-Konstruktion nachvollziehen. Hier wurde besonders mit dem Aspekt der Legendenbildung gespielt und durch Nachahmung diverser Plattformen der gängigen Sozialen Medien der Fake-News Charakter verdeutlicht. Diese Installation soll nach technischen Schwierigkeiten im ersten Halbjahr dieses Jahres erneut aufgebaut werden.

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