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Der Anderl-Schrein

Betrachtet man die Kirche Mariä Heimsuchung von außen, so fällt die farbliche Gestaltung des Gebäudes in hellem Weißton mit goldfarbenen Akzenten ins Auge. Für eine Kirche in einem kleinem Ort wirkt sie außerdem erstaunlich groß. Umrundet man das Gebäude rechtsläufig, lässt sich an der Außenseite der Kirchenmauern ein kleiner provisorischer Schrein entdecken, der von Anhänger*innen des Anderl-Kultes unterhalten wird. Darauf konnten Besucher im Januar 2020 neben klassischen brennenden Friedhofskerzen und einem Blumengesteck auch Porzellanfiguren und einen kleinen Engel finden. Vermutlich brachte man jene Gaben bereits im November zur Kirche nach Rinn. Der Legende zufolge kam Anderl in diesem Monat zur Welt.
Im Inneren der Kirche ist an der Stelle, an welcher sich außen der Schrein befindet, über einem steinernen Opferstock eine Gedenktafel mit einer aufschlussreichen Erklärung zu sehen. Die Tafel wurde im Jahr 1985 angebracht, als die angeblichen Gebeine des Kindes vom Hochaltar entfernt und in die Mauer eingelassen wurden. Auf ihr ist zu lesen:

HIER RUHT DAS UNSCHULDIGE KIND ANDERL WELCHES NACH DER ÜBERLIEFERUNG IM JAHRE 1462 VON UNBEKANNTEN ERMORDET WURDE. LEIDER WURDE SEIN TOD JAHRHUNDERTE LANG ALS RITUALMORD DURCHREISENDEN JUDEN UNTERSTELLT. DIESE DAMALS HÄUFIGE UND VÖLLIG UNBEWIESENE BESCHULDIGUNG HAT DAZU GEFÜHRT, DASS DAS ANDERL IRRTÜMLICH ALS MÄRTYRER DES GLAUBENS ANGESEHEN WURDE. DAS KIND ANDERL RUHT HIER ZWAR NICHT ALS MÄRTYRER DER KIRCHE ABER ALS MAHNENDE ERINNERUNG AN DIE VIELEN KINDER, DIE BIS ZUM HEUTIGEN TAG OPFER DER GEWALT UND DER MISSACHTUNG DES LEBENS WURDEN. MIT IHNEN ALLEN IST DAS ANDERL VON RINN EINGEZOGEN IN GOTTES EWIGE FREUDE.

Interessanterweise sollten die Arbeiter*innen, welche für die Umbettung zuständig waren, zunächst nicht in die Kirche gelassen werden. Am 3. Juli 1985 wandte sich eine Gruppe von etwa 40 Personen gegen die Bauarbeiter*innen und stellte die Behauptung auf, dass der Kult ein kirchliches Recht auf Existenz hätte. Erst unter Androhung von Strafen seitens der Polizei konnte ein Zugang für den Bautrupp verschafft werden.1 Diesen Vorfall konnte man in der Presse mitverfolgen, wo er auf unterschiedliche Weise publiziert und der Öffentlichkeit außerhalb von Rinn zur Verfügung gestellt wurde.
Es lässt erkennen, dass der Kult nicht ganz aus dem Kirchengebäude verschwunden ist. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass die Amtskirche den Schrein eines Kindes dulde, welches als von Unbekannten ermordet gilt. Wohl auch, da Anderl als Patron der Kinder gilt, die, wie er selbst, Opfer von Gewalt wurden, könnte der Schrein zu diesem Zweck besucht werden und dadurch einen Teil der Anderl-Legende weitererzählen. Lediglich deren krasse antisemitische Botschaft hat man aus der Kirche tilgen können.

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