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Theaterkultur um Anderl von Rinn

Im Juli 1621 brachte der Jesuitenorden die Anderl-Legende unter dem Titel Von dem H. dreyjärigen Kindlein Andrea […] in Hall unweit von Rinn erstmalig auf die Bühne. Dass die Forschung um die Legendenbildung des Anderl von Rinn von diesem Theaterstück weiß, ist der überlieferten Erzählung Guarinonis zu verdanken, also einer groben Zusammenfassung des Inhalts. Auf sechs Blättern wird der Mythos um den vermeintlich ermordeten Jungen wiedergegeben und um dramaturgische Elemente wie zusätzliche Figuren erweitert. Eingeleitet wird mit einem Fließtext, in dem “etliche deß Gelts und Christlichen Bluets sehr durstige Juden” als Täter beschrieben werden. Der Perioche nach zu schließen, sollte die Leserschaft auch mit zukünftigen Theaterstücken rechnen. Außerdem wird behauptet, dass Anderl umgehend nach der Ermordung als Märtyrer angesehen wurde Auch ein erster Prozessionszug an seinem Todestag findet Erwähnung.1
Ritualmordlegenden auf die Bühne zu bringen hatte unter den Jesuiten Tradition. Sie waren gern gesehene Inhalte gegenreformatorischer Propaganda. Denn schon die Geschichte um Simon von Trient fand Einzug in diese Form der Verbreitung und wurde beispielsweise 1605 in Augsburg und auch 1610 in Innsbruck aufgeführt. Es ist möglich, dass sich Guarinoni hier für seine eigene, später niedergeschriebene Legende inspirieren ließ. Die erste öffentliche Beschäftigung mit der Anderl-Legende fand ebenfalls über eine Theaterbühne statt und konnte so über die Grenzen Tirols Bekanntheit erlangen. Nach Trient erhielt also ebenfalls Rinn einen eigenen Märtyrer mit entsprechender Geschichte. Ab 1648 wurde das Anderl-Spiel dann auch außerhalb Halls aufgeführt. Es ist sicher, dass dieses Stück bis mindestens 1699 gespielt wurde, da in diesem Jahr das Programmheft neu angefertigt werden musste. Wie oft das Anderl-Spiel in diesem Zeitraum tatsächlich auf die Bühne kam, ist jedoch nicht mehr nachweisbar. Es liegen lediglich für wenige Jahre gesicherte Quellen vor.2
In der Zeit des Nationalsozialismus entdeckte man schließlich viele Ritualmordlegenden neu und instrumentalisierte diese im Rahmen des herrschenden Antisemitismus’. “Wir wollen sehen, ob das Kreuz oder der siebenarmige Leuchter siegt!”, soll ein Rinner als Begründung für den Besuch des Theaterstückes Das Judenstein-Anderle im Jahr 1935 angegeben haben.3 Die Darbietung in sieben Aufzügen wurde am 8. November desselben Jahres auf der Speckbacher Bühne in Rinn uraufgeführt. Im Stiftsarchiv Wilten wird das Programmheft zur Uraufführung aufbewahrt. Daraus geht leider nicht hervor, wie genau das Stück aufgeführt wurde, wohl aber wie man es technisch umsetzen wollte. Ein “Rundhorizont und [die] moderne Beleuchtungsanlage” sollten Anderl eindrucksvoll inszenieren. Ein Prolog im Himmel wird dem eigentlichen Fall vorangestellt. Eine Anlehnung an Johann Wolfgang von Goethes Faust – Eine Tragödie Erster Teil liegt nahe und vermittelt eine gewisse Ernsthaftigkeit, mit der angeblich an die Thematik herangetreten wurde.
Das Anderlspiel sah die Speckbacher Theatergesellschaft in Rinn als ideale Möglichkeit der Finanzierung des neuen Theatersaals an. Das drei Stunden dauernde Stück wurde nicht zuletzt durch die beworbene neue Bühne ein Erfolg – mit dem man rechnete. Auch vorangegangene öffentliche Diskussionen trugen zum Erfolg des Stückes bei.. In den Fokus rückte besonders der fingierte Wahrheitsgehalt des vermittelten Inhaltes. Das Programmheft von 1935 folgt der von Guarinoni als Tatsache verstandenen Erzählung und gibt an, diese nach dessen Vorbild wiederzugeben. Genau das kritisierte die Israelitische Kultusgemeinde in Innsbruck, denn der angebliche Ritualmord an Anderl von Rinn, welcher im Stück in allen Details gezeigt wurde, sei historisch nicht belegt. Eine Zensur des Inhaltes wurde 1935 durch die Landesregierung mit der Begründung verfügt, das dargestellte stereotypische Charakterbild der jüdischen Bevölkerung könne zu Provokationen führen. Zukünftige Aufführungen mussten durch einen externen Regierungskommissär überprüft werden.4 Die Inszenierung aus 1935 ist bis dato die letzte überlieferte Theaterdarstellung der Anderl-Legende im deutschsprachigen Raum.5

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