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Internationale Antijüdische Kongresse 1882 und 1883 in Dresden und Chemnitz

Wenige Monate nach Eszter Solymosis Verschwinden, während die Ermittlungen in Tizsaeszlár noch im Gange waren und die antisemitischen Parlamentsabgeordneten Géza Ónody, Győző Istóczy und Iván Simonyi sich im Habsburgerreich – und auch darüber hinaus – tatkräftig für die Verbreitung der Ritualmordlegende einsetzten, wurde in Deutschland die Durchführung eines Internationalen Antijüdischen Kongresses im September 1882 beschlossen, für den Teilnehmer aus mehreren europäischen Ländern angekündigt wurden.1 Die Abgeordneten nutzten die Gegebenheiten dazu, Eszter Solymosi zu einer Art Galionsfigur ihrer politischen Bewegung zu erheben. Ein Portrait des Mädchens, dessen Erstellung Ónody in Auftrag gegeben hatte, wurde im Rahmen des Kongresses gegen eine Eintrittsgebühr der Öffentlichkeit präsentiert.2 Als zeichnerische Rekonstruktion wurde es darüber hinaus in Ónodys 1882 in Ungarn veröffentlichtem Buch abgedruckt, das im Folgejahr auch in deutscher Sprache erschien.
Aufgrund der Aufmerksamkeit, die die Ereignisse in Tiszaeszlár bereits erregt hatten, verbreiteten sich auch Berichte über den Kongress trotz des begrenzten internationalen Charakters – die Teilnehmerschaft bestand hauptsächlich aus deutschen und ungarischen Antisemiten – in der nationalen und internationalen Presse. Das antisemitische humoristische Volksblatt Kikeriki veröffentlichte am 17. September 1882 einen Artikel, in dem der Autor zugesteht, dass sich aufseiten der Antisemiten durchaus Fanatiker und simple Neider befänden. In jovialem Tonfall wendet er sich dann jedoch an die jüdische Bevölkerung, die seines Erachtens nach einsehen müsse, dass ihr kritisches und überhebliches Verhalten gegenüber Andersgläubigen eine öffentliche Gegenwehr geradezu provoziert und selbst redliche Bürger gegen sie aufgebracht habe.3
Publikationen, die im Kontext des Dresdener Kongresses in der Presse erschienen, stammten allerdings nicht ausschließlich aus antisemitischer Feder. Karikaturen zeigen Ónody, wie er, einem Jahrmarktsschreier gleich, Eszters Portrait gegen Eintritt der Öffentlichkeit präsentiert.4 Insbesondere die internationale Presse äußerte sich besorgt über die antisemitischen Tendenzen in Europa und auch die nationale linksliberale und jüdische Presse thematisierte die Zusammenkunft der Antisemiten. Die österreichische humoristisch-satirische Wochenzeitung Der Floh verhöhnte Ónody und drückte insgesamt eine abfällige Haltung gegenüber den Ermittlungen in der ungarischen Kleinstadt sowie den Kongressteilnehmern aus.5
Trotz des begrenzten Erfolges der als Zusammenkunft aller europäischen Antisemiten angedachten Versammlung auf internationaler Ebene, bemühten sich die Teilnehmer darum, auch im Nachgang der Veranstaltung eine Verbreitung ihrer Theorien voranzutreiben und die Öffentlichkeit für ihre Ziele zu gewinnen. Noch im selben Jahr veröffentlichte das neu eingesetzte ständige Komitee des Kongresses bzw. die Alliance antijuive universelle – die sich als Gegenpol zur seit der Damaskusaffäre 1840 bestehenden internationalen jüdischen Organisation Alliance Israélite Universelle verstand – ein Manifest,6 das in möglichst vielen europäischen Ländern verbreitet werden sollte, um weitere Anhänger zu gewinnen. Das Schriftstück enthielt unter anderem eine Resolution, die das volle Vertrauen der Teilnehmer des Kongresses in die ungarische Justiz und damit in den künftigen Schuldspruch für die jüdischen Verdächtigen von Tiszaeszlár ausdrückte. Der Erfolg dieser Bemühungen blieb jedoch weitgehend aus. In einem Artikel, den Der Deutsche Correspondent in Baltimore wenige Wochen vor dem zweiten, mit nicht einmal 40 Teilnehmern weniger erfolgreichen, Kongress in Chemnitz, abdruckte, wird dies deutlich. Dort wird von der öffentlichen Ablehnung der französischen Regierung, das Schriftstück oder die darin enthaltenen Theorien zu propagieren, und einer im Gegenteil klar geäußerten Willkommenshaltung gegenüber sämtlichen Völkern, Rassen und Religionen berichtet.7

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