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Der Kronzeuge Móric Scharf

Kronzeuge der Verhandlung war der 14-jährige Móric Scharf. Sein Vater, József Scharf, saß wegen Beihilfe zum Mord auf der Anklagebank. Während der Voruntersuchung waren die Beamten auf den Bruder des Móric Scharf gestoßen, den viereinhalbjährigen Samuel. Ein Beamter wollte aus dem Gespräch mit dem kleinen Samuel herausgehört haben, dass die Juden Eszter Solymosi ermordet hätten. Da der zuständige Richter die Aussage eines kleinen Kindes nicht gelten lassen wollte, entschlossen sich die Beamten beim Bruder des Kindes, dem 14-jährigen Móric nachzuforschen. Sie nahmen ihn fest, brachten ihn in Isolationshaft und misshandelten ihn physisch und psychisch so lange, bis er ein Geständnis ablegte. Dies machte ihn zum Kronzeugen des Prozesses. Der Junge blieb während der gesamten Zeit der Untersuchung und des Prozesses von seiner Familie separiert in Haft.
Móric Scharf sagte schließlich aus, dass er seinen Vater und die anderen Angeklagten durch das Schlüsselloch der Synagoge beim Mord an Eszter Solymosi beobachtet habe. Er wollte gesehen haben, wie sie ihr mit einem Schächtermesser die Kehle aufgeschnitten, das Blut gesammelt und die Leiche zum Fenster hinausgeschafft hätten. In der Verhandlung selbst trat der Junge selbstbewusst auf, schaute den Angeklagten teilweise sogar ins Gesicht, während er sie beschuldigte. So sagte er während der Gegenüberstellung dem Angeklagten Salamon Schwarz ins Gesicht, dass dieser Eszter die Kehle durchgeschnitten habe. Die Verteidigung merkte an, dass seine Aussagen nicht nur widersprüchlich seien, sondern auch auswendig gelernt klängen.
Während der Verhandlung spielten sich erschreckende Szenen zwischen Vater und Sohn ab. Der Vater beschimpfte seinen Sohn, drohte ihm und bezichtigte ihn wiederholt der Lüge. Gleichzeitig weinte er in mehreren Situationen und wirkte verzweifelt über die Kälte seines Sohnes. Móric blieb regungslos und beharrte auf seiner Aussage, konnte seinem Vater aber nicht in die Augen schauen. Er gab an, fortan kein Jude mehr sein zu wollen.1
Erst nach dem Verhör des Jungen und der Gegenüberstellung mit den Angeklagten entschied sich das Gericht für eine Ortsbegehung. In der Synagoge von Tiszaeszlár stellten die Beamten fest, dass es nicht möglich gewesen sein konnte, die Tat durch das Schlüsselloch zu beobachten. Alle Anwesenden überzeugten sich selbst von der Tatsache, dass Móric Scharfs Aussage ein reines Lügenkonstrukt war. Die Verteidigung reagierte sehr erbost darüber, dass die Angeklagten über ein Jahr in Untersuchungshaft gesessen hatten, ohne dass man die Aussage des Jungen auf Plausibilität überprüft hatte.
Nach dem Freispruch der Angeklagten kehrte Móric zu seinen Eltern zurück. Die Familie ließ die Vergangenheit ruhen, verließ Ungarn und siedelte nach Amsterdam über. Móric kümmerte sich bis zu dessen Tod im Jahre 1905 um seinen Vater.2

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