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Das Narrativ

Nach dem Verschwinden der vierzehnjährigen Eszter Solymosi im April 1882 nahmen die Gerüchte über eine jüdische Blutverschwörung rasch zu. Die Mutter des verschwundenen Mädchens trug maßgeblich dazu bei, da sie von der Schuld der Juden überzeugt war. Schon bald hörte Géza Ónody, seines Zeichens Abgeordneter für Tiszaeszlár im ungarischen Parlament, von dem Fall. Ihm spielte Eszters Verschwinden in die Karten, denn er gehörte zu jenen ungarischen Antisemiten, deren Politik bis dahin ohne gesetzgeberische Erfolge oder Regierungsbeteiligung geblieben war. Ónody instrumentalisierte den Fall umgehend für seine Zwecke und thematisierte am 23. Mai 1882 in einer Generaldebatte des Abgeordnetenhauses erstmals das Verschwinden der Eszter Solymosi aus Tiszaeszlár. Obwohl das Thema, über welches er sprechen sollte, ursprünglich ein völlig anderes war, schaffte Ónody es, die Aufmerksamkeit auf das vermisste Christenmädchen zu lenken.
Er erzählte, dass es Zeugen gäbe, die beobachteten, wie das Mädchen von einem vermeintlich jüdischen Schächter in die Synagoge gelockt worden sei. Dort habe dann der Sohn des Schächters gesehen, wie sie ermordet wurde, um aus ihrem Blut das Osterbrot herzustellen.1 Für nichts, was Ónody dort behauptete, gab es Beweise. Zusammen mit Győző Istóczy, dem Anführer der Antisemiten in Ungarn, machte Ónody fortan mit diesen Gerüchten im Land Stimmung gegen die Juden. Die beiden sahen ihre Chance, die große Sache der Antisemiten, nämlich die Aussiedlung aller in Ungarn lebenden Juden, voranzutreiben. Durch ihre geschickte Propaganda gelang es ihnen, das Klima nachhaltig zu beeinflussen. Es folgten regelrechte Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung, ihre Wohnungen und Läden wurden demoliert, sie wurden auf der Straße mit Schmutz beworfen oder angespuckt.2
Istóczy nutzte seine Kontakte zu Antisemiten in Deutschland und weitete die Affäre immer weiter aus. In Berlin veröffentlichte man Extrablätter über das vermeintlich jüdische Kapitalverbrechen. Das Thema war lange Zeit nicht mehr wegzudenken aus der antisemitischen Presse. Die reinen Fakten schrieb dabei kaum jemand, stattdessen wurden Ónody und Istóczy zitiert, wilde Vermutungen geäußert und die Beschuldigten diffamiert.3
Im September 1882 fand in Dresden der erste „Internationale Antijüdische Kongress“ statt. Unter den Teilnehmern befanden sich auch Géza Ónody, Győző Istóczy sowie Iván Simonyi, ebenfalls ein ungarischer Parlamentsabgeordneter. Auf dem Kongress wurde der Blutmord von Tiszaeszlár von den dreien gekonnt in Szene gesetzt. Ónody präsentierte ein großes Portrait der verschwundenen Eszter Solymosi und Simonyi sprach über den Fall und die große Welle der Sympathie, die die jüdische Bevölkerung den Mordangeklagten entgegenbrachte.
Die Beweislage des Falls war eigentlich so schlecht, dass überhaupt keine Anklage hätte erhoben werden müssen, doch die Stimmungsmache der Antisemiten führte dazu, dass die Öffentlichkeit den Fall vor Gericht verhandelt wissen wollte. Noch dazu war der im Fall beauftragte Untersuchungsrichter József Bary ebenfalls ein glühender Antisemit. Er scheute sich nicht, den 14-jährigen Móric Scharf gewaltvoll zu einem Geständnis zu nötigen und ihn durch Isolationshaft und psychische Misshandlungen zum Kronzeugen in seiner Sache zu machen. Er behauptete beim Auffinden der Leiche an der Theiß einfach, die Jüdinnen und Juden hätten ein zweites Verbrechen begangen, um den Blutmord an Eszter zu vertuschen. Beweise hatte er für diese Theorie allerdings keine. Trotzdem wurde aufgrund seiner Ermittlungen schließlich Anklage erhoben.
Während des Prozesses ging die Propaganda Ónodys und Istóczys weiter und auch nach dem Freispruch aller Angeklagten verstummten die antisemitischen Verschwörungstheorien nicht. Bis heute hält sich in bestimmten Kreisen das Gerücht des Ritualmordes an Eszter Solymosi.

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