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Die Öffentlichkeit

In der Affäre von Tiszaeszlár spielt die Öffentlichkeit eine bedeutende Rolle. Zum einen wäre es wohl ohne die öffentliche Stimmungsmache gar nicht zum Prozess gekommen, zum anderen verhalfen die Antisemiten mit gezieltem Populismus dem Fall zu einer erheblichen Medienpräsenz.
Nach dem Verschwinden der Eszter Solymosi gab es zunächst keine Beweise oder Zeugen für ein angeblich durch Juden begangenes Verbrechen. Tatsächlich interessierte sich kaum jemand für die verschwundene Dienstmagd. Erst als die Mutter im Dorf das Gerücht über eine jüdische Blutverschwörung streute und der antisemitische Abgeordnete Géza Ónody davon erfuhr, regte sich langsam das Interesse an dem Fall und ein Untersuchungsrichter wurde nach Tiszaeszlár entsandt. Ónody war es, der zusammen mit Győző Istóczy, einem weiteren bekannten ungarischen Antisemiten, den Fall in ganz Ungarn und über die Grenzen hinaus publik machte. Die beiden nutzten Eszter Solymosi, um ihre antisemitische Politik voranzutreiben. Sie beeinflussten die Öffentlichkeit nachhaltig, streuten Gerüchte, kurz, sie machten Stimmung gegen die Jüdinnen und Juden von Tiszaeszlár und darüber hinaus.
Es gelang ihnen, die Menschen in Ungarn aufzuhetzen – es gab sogar regelrechte Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung.1 Es wurden Menschen auf der Straße beschimpft und bedroht, Wohnungen und Läden demoliert. Ónody und Istóczy gingen sogar noch einen Schritt weiter und verbündeten sich mit den deutschen Antisemiten. 1882 sprachen sie auf dem ersten Internationalen Antijüdischen Kongress in Dresden und stellten den Fall des “jüdischen Ritualmordes” von Tiszaeszlár dort vor. Sie wurden sowohl in der nationalen als auch internationalen antisemitischen Presse zitiert und galten, insbesondere in antisemitischen Kreisen in Deutschland, als Experten für den Fall. Die antisemitische Berichterstattung zeichnete teilweise ein finsteres Bild von der jüdischen Gemeinschaft. Deren Mitglieder wurden als skrupellose Mörder dargestellt, die emotionslos ihre religiöse Pflicht erfüllten, indem sie Christen ermordeten. So finden sich angebliche Rezepte für das sogenannte Opfermehl und die Blutmatze in der antisemitischen Literatur der Zeit.2
Allerdings gab es nicht nur antisemitische Aufmerksamkeit, sondern auch die liberale Presse berichtete regelmäßig über den Fall. Tenor dieser Berichterstattung ist häufig der Unglaube darüber, dass es 1883 überhaupt noch zu einem solch mittelalterlichen Vorwurf der Blutbeschuldigung kommen konnte. Des Weiteren werden häufig die Prozessführung sowie die fehlenden Beweise kritisiert. Die Aufmerksamkeit des Falls hatte letztlich aber auch ihre guten Seiten, denn es wurden durch die Berichterstattung drei unabhängige Mediziner auf den Fall aufmerksam, die das medizinische Gutachten zur Todesursache als falsch einstuften und in eigener Verantwortung ein neues Gutachten erstellten, mit dem letztlich bewiesen werden konnte, dass Eszter Solymosi durchaus im Fluss ertrunken sein konnte.

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