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Rezeption nach 1920

Die Affäre von Tiszaeszlár jährte sich im Jahr 1932 zum 50. Mal, in einer Zeit, in der sich in Deutschland die Nationalsozialisten auf dem Vormarsch befanden. Auch deshalb wurde die Geschichte des angeblichen Blutmordes von Tiszaeszlár erneut intensiv in Erinnerung gerufen.
Rafael Hualla verfasste im März 1932, wenige Tage vor dem Jahrestag von Eszters Verschwinden, einen Artikel mit dem Titel Fünfzig Jahre Tisza Eszlar – Das Jubiläum einer Schande für die fortschrittlich-liberale Zeitschrift Der Morgen, die wöchentlich in Wien herausgegeben wurde. Hualla erinnert hier „(j)ene Generation, die zur Zeit von Tisza Eszlar in dem Alter gewesen war, in dem man die Tragweite einer solchen Affäre begreift“1, mit mahnenden Worten an die damaligen Ereignisse und zieht klare Parallelen zwischen den „gewissenlosen Hetzer(n)“2 von damals und den aufstrebenden Nationalsozialisten. Aufgrund seiner liberalen Veröffentlichungen und Kontakten zu Regierungsgegnern geriet Hualla wiederholt mit den Nationalsozialisten in Konflikt, passte sich jedoch nach zunehmenden Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche soweit an, dass er dennoch eine Stellung als Redakteur bei der Justizpressestelle beim Oberlandesgericht Linz erlangen konnte.3
Fünf Jahre später berichtete die jüdische Zeitung Die Stimme über die Jüdischen Künstlerspiele in Wien, im Zuge derer Arnold Zweigs Ritualmord in Ungarn – auch Die Sendung Semaels genannt – aufgeführt wurde. Der Autor des Artikels beschreibt die Darstellungen der Tragödie als „entsetzlich gegenwartswahr“4 und äußert sein Entsetzen wie seine Enttäuschung darüber, dass derartige Zustände, von denen man gehofft und geglaubt habe, dass sie nie wieder eintreten würden, erneut dem Alltag der jüdischen Bevölkerung entsprachen.
Auch Julius Streicher, Eigentümer und Herausgeber des nationalsozialistischen Hetzblattes Der Stürmer, erinnerte in seiner Zeitung an die Affäre von Tiszaeszlár und nutzte sie als mahnendes Beispiel – nicht, um das Grauen für die jüdische Bevölkerung, sondern im Gegenteil, deren Allmacht ins Gedächtnis zu rufen. In einer Sonderausgabe des Blattes widmete er sich 1939 auf mehreren Seiten den einstigen Ereignissen und begründet den Freispruch der, seines Erachtens nach zweifelsfrei schuldigen, Angeklagten mit der finanziellen Potenz sowie dem vermeintlich enormen Einfluss des Judentums auf die nationale und internationale Presse. Sie habe den Gerichtshof derart abgelenkt, dass er nicht mehr zur „Abwehr und Richtigstellung der jüdischen Lügen“5 in der Lage gewesen sei. Die Bevölkerung wird dazu aufgefordert, sich der angeblichen Gefahr durch das Judentum gewahr zu werden, bevor es, wie damals in Tiszaeszlár, zu spät sei, um einzugreifen.
Ähnlich äußerten sich weitere antisemitische Journalisten und Autoren der Zeit, die historische Berichte über vermeintliche Ritualmorde aufgriffen und zum Zwecke der Verbreitung ihrer Ideale instrumentalisierten. Max Hellmuth Schramm widmete der Affäre von Tiszaeszlár in seinem Buch Der jüdische Ritualmord – Eine historische Untersuchung, das von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken genutzt wurde, ein Kapitel. Frederik to Gaste publizierte eine Broschüre mit dem Titel Die Wahrheit über die jüdischen Ritualmorde, die zwischen 1930 und 1943 in mehreren Auflagen und verschiedenen Sprachen erschien – nachgewiesen sind Deutsch, Polnisch und Ukrainisch –, um die Legende international auch über den deutschsprachigen Raum hinaus zu verbreiten. Das Werk beinhaltet neben den textlich ausgeführten Verschwörungstheorien zur Ritualmordlegende und zur Allmacht des Judentums auch Abbildungen vermeintlicher Christen-Schächtungen durch stereotyp dargestellte Angehörige des jüdischen Glaubens.6
Auch heute werden die Ereignisse um Eszters Verschwinden in verschiedensten Medien sowohl national als auch international immer wieder in Erinnerung gerufen. Neben dem Versuch, die damaligen Ereignisse als mahnendes Beispiel gegen den Antisemitismus im Gedächtnis zu behalten, werden stetig neue Theorien um die Blutbeschuldigung und deren vermeintliche Wahrhaftigkeit veröffentlicht und insbesondere im Internet einem breiten, auch internationalen Publikum zugänglich gemacht.7 Gedenkmärsche zum symbolisch errichteten Gedenkstein auf dem Tiszaeszláer Friedhof und Gedenkveranstaltungen für das mutmaßlich dem jüdischen Blutritual zum Opfer gefallene Mädchen finden nach wie vor nicht nur Zulauf antisemitischer ungarischer Gruppierungen, sondern darüber hinaus auch die Beteiligung internationaler Anhänger vergleichbarer Gruppen.

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