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,,Wallfahrtsort‘‘ Tiszaeszlár und der Umgang mit der Erinnerungskultur der Neuen Rechten in Ungarn

Nach dem Systemwechsel 1989 können in Ungarn verstärkt antisemitische Tendenzen durch Neubewertungen des Falls nachgewiesen werden.
1994 wurde auf dem Friedhof von Tiszaeszlár das sogenannte Grab der Eszter Solymosi durch den nach Spanien emigrierten Publizisten Csaba Kenessey eingeweiht. Gegenüber der Tageszeitung Magyar Nemzet [Ungarische Nation] begründet dieser die Errichtung mit der vermeintlich historischen Notwendigkeit; das Judentum habe die ungarische Justiz bestochen und hierdurch 1883 ein gerechtes Urteil verhindert. Trotz der Tatsache, dass sich unter der Gedenktafel nicht der Leichnam Solymosis befindet, hat sich Tiszaeszlár in der Folgezeit zu einem Wallfahrtsort der rechtsextremen Szene entwickelt. Hierbei veranstalten insbesondere die nach dem Systemwechsel gegründeten Parteien MIÉP [Ungarische Wahrheits- und Lebenspartei] und JOBBIK [Partei der rechten Jugendgemeinschaft] sowie die Organisationen Magyar Gárda [Ungarische Garde] und Magyar Nemzeti Arcvonal [Ungarische Nationale Front] jährlich stattfindende Kranzniederlegungen am ,,Grab”.1 Musikalisch vermittelt wird die Erinnerungskultur durch Musikstücke der Rockband ,,Egészséges Fejbőr‘‘ [Wunderhirsch], die in ihrem Lied Hiába sírsz [Du weinst vergeblich] das Narrativ Kenesseys unterstützen.2
Den Höhepunkt dieser antisemitischen Erinnerungskultur bildet die am 3. April 2012 vom JOBBIK-Abgeordneten Zsolt Baráth gehaltene Rede zum sogenannten 130. Jahrestag des angeblichen Blutmordes im ungarischen Parlament. In dieser betonte der Politiker die Abhängigkeit der Justiz von ,,jüdischen Kapitalisten‘‘ und bezeichnete den Freispruch als ,,Beispiel für eine jüdische Verschwörung gegen das ungarische Volk‘‘.3 Von den Aussagen haben sich alle im Parlament vertretenen Parteien distanziert; während die Regierungspartei FIDESZ [Ungarischer Bürgerbund] von einer ,,Verletzung der Werte Ungarns‘‘ sprach, forderten MSZP [Ungarische Sozialdemokratische Partei] und LMP [Lehet Más a Politika/Politik kann anders sein] Baráth auf, unverzüglich sein Mandat niederzulegen.4 Auch im künstlerischen Bereich sind Gegenreaktionen erfolgt; so setzte sich Ivan Fischers Oper A Vörös Tehén [Die rote Färse], eine Vertonung des Romans von Gyula Krúdy, mit der gesellschaftlichen Situation im Ungarn des späten 19. Jahrhunderts kritisch auseinander.5

Exponate zum Thema


Rede im ungarischen Parlament, 3. April 2012 - Dieses Exponat zeigt Ausschnitte der Rede des Jobbik-Abgeordneten Zsolt Baráth. In dieser wird der Ritualmordvorwurf aufgegriffen und behauptet, dass jüdische Kapitalisten den Freispruch der beschuldigten Männer erzwungen hätten. Quelle: Mediaworks Hungary / Népszabadság Online. Online unter https://www.youtube.com/watch?time_continue=95&v=V9jvyZ0kciM&feature=emb_title (abgerufen am 17.02.2020).