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Zeitgenössische Auseinandersetzung

Für die nationale wie internationale Verbreitung von Berichten über den vermeintlichen Ritualmord an der jungen Eszter Solymosi sorgten an vorderster Front drei antisemitische Abgeordneten des ungarischen Parlaments Géza Ónody, Győző Istóczy und Iván Simonyi. Deren Einfluss auf lokale Presseorgane sowie auch im Parlament bildete gute Voraussetzungen für eine effektive Verbreitung der Legende.
Insbesondere in Deutschland fanden die Theorien der Abgeordneten aufgrund der dort ebenfalls im Aufschwung befindlichen antisemitischen Tendenzen durchaus Anklang und trugen somit zu einer Annäherung der politisch antisemitisch eingestellten Kreise dieser Länder bei. Diese mündete unter anderem in der gemeinsamen Planung und Ausführung der beiden Internationalen Antijüdischen Kongresse in Dresden 1882 und Chemnitz 1883 und darüber hinaus in dem Versuch, die dort gefassten Beschlüsse durch die Publikation mehrsprachiger Broschüren zu verbreiten. (s. dazu auch Thema Antisemitenkongresse). Hierzu zählen zum Beispiel aus dem direkten Umfeld der Affäre von Tiszaeszlár stammende ungarischsprachige Veröffentlichungen wie Georg Marczianyis Esther Solymosy oder Der jüdisch-rituelle Jungfrauenmord in Tißa-Eßlar oder Géza Ónodys Werk Tißa-Eßlar in der Vergangenheit und Gegenwart. Ueber die Juden im Allgemeinen. – Jüdische Glaubensmysterien. – Rituelle Mordthaten und Blutopfer. – Der Tißa-Eßláer Fall. Diese Werke nahmen die Ereignisse zum Anlass, noch vor Prozessbeginn die öffentliche Stimmung gegen die Angeklagten – und mit ihnen gegen das Judentum in seiner Gesamtheit – zu beeinflussen, und wurden noch vor dem Ende des Prozesses in deutscher Sprache sowie im internationalen Kontext in Umlauf gebracht.
Marczianyi, der Ónodys Werk für den deutschsprachigen Raum übersetzte, ergänzte im Zuge der erneuten Publikation im Anhang sogar sämtliche Neuerungen, die sich seit der ersten Veröffentlichung des Werkes in Ungarn zum Verschwinden der Eszter Solymosi ergeben hatten, um den Lesern einen möglichst aktuellen Einblick in die Situation zu bieten. Über die reine Schilderung des Falles hinaus, befassen sich diese beiden Werke, wie viele andere antisemitisch geprägte auch, mit dem Judentum im Allgemeinen und bedienen sich dabei altbekannter Stereotypen:

„Eine übermäßige Geiernase, unstät blickende, stechende Augen, schlau und verschmitzt lächelnde Lippen, an den beiden Seiten des Gesichtes herabhängende, fetttriefende Locken, ein zerfetzter, antiker Kaftan, ein auf zwei einwärtsgebogenen Füßen ruhender gekrümmter Oberkörper, ein Bündel mit allerhand Schacherwaren am Rücken, eine schrill tönende Pfeife im Münde“1
 

Auch rekurrieren sie auf verbreitete Verschwörungstheorien über das Judentum im Allgemeinen, wonach etwa “der Jude” als Heilandsmörder erscheint, und knüpfen damit an bereits vorhandenes vermeintliches Wissen des Lesers an.
Die Figur der unschuldigen christlichen Jungfrau Eszter nahm bei der Popularisierung der Theorien in der Öffentlichkeit eine zentrale Rolle ein, die sich auch in der Nutzung des Mädchens als eine Art Galionsfigur der antisemitischen Bewegung manifestierte. In Auftrag gegebene Gemälde und Zeichnungen, die anhand von Beschreibungen des vermissten Mädchens und deren Schwester angefertigt worden waren, wurden ebenfalls verbreitet und von Géza Ónody sowohl im Zuge seiner Teilnahme am ersten Internationalen Antijüdischen Kongress in Dresden als auch beim Druck seines Buches verwendet. Sie gaben der Antisemitenbewegung auch einen erheblichen visuellen Wiedererkennungswert.
Neben antisemitischen Veröffentlichungen erschienen auch kritische Erwiderungen aus der liberalen und jüdischen Presse und aus der Kunstszene, die sich zumeist vehement gegen die der jüdischen Bevölkerung entgegengebrachten Ritualmordvorwürfe zur Wehr setzten – einerseits zum Schutze der jüdischen Bevölkerung, andererseits auch aus Gründen der Scham ob dieser als Rückfall in mittelalterliche Zeiten verstandenen Blutmordbeschuldigung. Die Geschehnisse in Tiszaeszlár führten auch außerhalb des Ortes, in anderen Städten des Habsburgerreiches, zu Pogromen gegen Angehörige des jüdischen Glaubens und deren Hab und Gut.2
Ein bekanntes Beispiel für die andauernde und vehemente Gegenwehr und den nachhaltigen Eindruck, den die Affäre von Tiszaeszlár auch außerhalb der Habsburgermonarchie hinterließ, stellt die 1915 vom deutsch-jüdischen Schriftsteller Arnold Zweig veröffentlichte Tragödie Ritualmord in Ungarn – später auch bekannt als Die Sendung Semaels – dar. Zweig verkehrt in seinem Stück das antisemitische Narrativ in sein Gegenteil und schildert die Affäre von Tiszaeszlár und die damit verbundene Anklage der jüdischen Männer als improvisiertes Komplott des lüsternen Parlamentsabgeordneten Ónody zur Vertuschung eines von ihm im Zuge eines Annäherungsversuches an die junge Eszter begangenen Totschlags.3

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