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Hellmut Schramm

Der promovierte Historiker Hellmut Schramm schrieb 1943 ein umfängliches Werk über den „jüdischen Ritualmord“. Dabei befasste er sich in jedem Kapitel mit einem anderen Fall, von Damaskus (1840) bis Kiev (1911) sowie in einem vorgeschalteten Kapitel mit allen angeblichen Ritualmorden vor 1840. Da sein Werk wie ein Konvolut früherer Werke und Hetzschriften erscheint, war es perfekt für den eklektischen Gebrauch durch das Naziregime und dessen Propaganda geeignet. Da es außerdem narrativ ausformulierend und subjektiv suggerierend geschrieben wurde und deshalb weniger mit einer wissenschaftlichen Quelle gemeinsam hat, ist es für Laien leicht verständlich gestaltet. Insofern wirkt es auch für eine eher simple Leserschaft attraktiv.
In seinem Kapitel über Simon von Trient stützt sich Schramm größtenteils auf das Werk des katholischen Pfarrers Joseph Deckert aus dem 19 Jahrhundert. Doch bevor er auf die vermeintlichen Ritualmordfälle selbst eingeht, versucht der Autor allgemeine Kennzeichen und Hintergründe zu erhellen. Während er den Talmud nennt, um nachzuweisen, dass den Juden allein Juden Menschen seien, alle Nicht-Juden dagegen nur „Vieh“, enthalte der „kabbalistische Sohar“ folgende, seiner Meinung nach, unmissverständliche Ritualmordanweisung, für die er eine angeblich „authentische“, tatsächlich aber verfälschte deutsche Übersetzung des Orientalisten Erich Bischoff (allerdings ohne Quellennachweis) anführt:

„Ferner gibt es ein Gebot des Schächtens, das in rituell gültiger Weise geschieht an Fremden, die keine Menschen sind, sondern dem Vieh gleichen. Denn diejenigen, die sich nicht mit dem jüdischen Religionsgesetz beschäftigen, muß man zu Opfern (!) des Gebetes machen, so daß sie dem gebenedeiten Gott als Opfer dargebracht werden. Und wenn sie ihm so dargebracht werden, gilt von ihnen: denn deinetwegen werden wir den ganzen Tag gemordet, geschächtet, wie Schafe auf der Schlachtbank.“1

Das Zitat scheint im Hinblick auf die angeblichen Ritualmorde äußerst passend, doch darf man nicht vergessen, es im historischen Kontext zu betrachten. Der Zohar wurde im zweiten Jahrhundert n.Chr. geschrieben und mit den „Fremden“ sind die Römer gemeint, die damaligen Feinde der Juden. Für Schramm sind „Blutmorde“ keine Legenden und haben auch nichts mit Aberglauben zu tun.
Die Anwendung von Folter, im Falle des Trienter Prozesses, verwirft Schramm fast schon beiläufig, mit Formulierungen wie „angeblich“ oder „Foltergeschichten“2. Dagegen stellt er die Bedeutung der Prozessakten – ohne sich aber detailliert mit ihnen zu befassen – heraus, indem er um sie herum eine (Kriminal-)Geschichte erzählt, die beweisen soll, dass von jüdischer Seite alles daran gesetzt worden sei, gegen den Prozess und dessen Akten vorzugehen.3
Seine affirmative Haltung wird in der Darstellung des Trienter Falles besonders deutlich. Anfangs beschreibt Schramm den vermeintlichen Tatverlauf, als die Juden Blut von einem Knaben gebraucht hätten und dass einer losgegangen sei, um einen Jungen zu finden etc.. Dies geschieht unter Verweis – aber jeweils ohne Beleg – auf die Prozessakten sowie auf antisemitische Sekundärwerke. Danach geht er auf den Prozess ein und wirft den Juden vor, sie hätten die verschiedensten Personen bestochen. So habe ein Spion namens Paul de Novaria sich ins bischöfliche Schloss eingeschlichen, um die Prozessakten abzuschreiben. Man habe aber auch einen Mann aus Trient gefangenen genommen und gefoltert, damit er ein Trienter Ehepaar beschuldige, für die Taten verantwortlich zu sein. Da beides nicht geholfen habe, sei beschlossen worden, päpstliche Instruktionen zu fälschen, um den Prozess abzusagen.4 Im weiteren Verlauf behauptet Schramm, dass der Jude Moritz Stern die Prozessakten überarbeitet habe. Er habe die Akten im Sinne der angeklagten Juden gefälscht, damit Ahnungslose ein verzerrtes Bild bekämen und die Schuld unklar sei.5 Insgesamt stützt sich Schramm fast ausschließlich auf das Werk von Deckert, ohne ihn kritisch zu hinterfragen – weitere Quellen bezieht er kaum ein.

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