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Der zweijährige „Märtyrer“

Märtyrerkulte am Grabe angeblicher Ritualmordopfer waren im Heiligen Römischen Reich eine Seltenheit. Im Fall des Simon verlangte man allerdings immer wieder, das Kind selig zu sprechen und als einen Märtyrer darstellen zu dürfen, um ihn im Anschluss dementsprechend verehren zu können. Die Verfechter*innen der Seligsprechung bestanden darauf, dass es keinen Zweifel geben könne, dass Simon von Trient durch Feinde des christlichen Glaubens getötet worden sei und somit Anspruch auf den Status eines Märtyrers habe. Dies versuchte man allem voran unter Rückbezug auf angebliche Wundertaten zu rechtfertigen. Jene galten zu dieser Zeit als das wichtigste Element der Heiligen- und Seligenverehrung und somit auch dem Kanonisierungsverfahren, mit dem Argument der „Manifestation der göttlichen Bestätigung.“1 Die ersten neun angeblichen Wunder des Simon sollen an verschiedenen Orten Trients stattgefunden haben, wobei beinahe alle Geheilten Bürger*innen derselben Stadt waren. Eine Genesung konnte dann erfahren werden, wenn zuvor ein Gelübde an einer der errichteten Gnadenstätten abgelegt worden war. Der wichtigste Teil bestand darin, sich auf eine Wallfahrt nach Trient unter erschwerten Bedingungen zu begeben, beispielsweise zu Fuß oder mit einer Kette um den Hals. Außerdem brachte man Votivgaben mit, wie Silber-und Wachsfiguren, gemalte Bilder oder Kerzen. Der Leichnam befand sich mittlerweile in der Kirche und wurde buchstäblich auf den Altar gestellt. Von diesem Zeitpunkt an vermehrten sich die Wundertätigkeiten drastisch. Bereits zwei Wochen später berichtete man von 39 Fällen. Jene wurden in dem ersten Buch, welches in Trient je gedruckt wurde, dem libri miraculorum, festgehalten, es beinhaltete schlussendlich 128 verzeichnete Wunder, wobei die Protokollierung 1476 eingestellt wurde. Das Kind Simon tritt indessen immer wieder als Heilender in visionärer Erscheinung auf, wobei sich Krankenheilungen als dominierend herausstellten. So wird darin von der Genesung Blinder, Gelähmter, Stummer, Epilepsie-Kranker, Fieber- und Gichtkranker und sogar über einen Lepra Fall berichtet. Ausschlaggebend war immer wieder die Schwere der Krankheit und die gleichzeitige Hoffnungslosigkeit behandelnder Ärzte. Sogar Totgeglaubte erwachten zum Leben und Kinder wurden vor dem Ertrinken gerettet. Ebenso sprach man Simon die Fähigkeit zu, durch Kontaktreliquien einzelne Gliedmaßen heilen zu können. Krankheiten konnten allerdings nach Brechen des Gelübdes wiederkehren und sogar Verschlimmerungen eintreten. In den Augen des Volkes waren damit die wesentlichen Elemente gegeben, das Kind als einen Heiligen verehren zu dürfen. Neben der Berufung auf die genannten Wundertätigkeiten bezog man sich auch auf vorherige Fälle selig gesprochener Kinder.2 Die Gegenposition, welche seitens der Päpste immer wieder aufgegriffen wurde, legte ein Martyrium auf eine bewusste, freiwillige Handlung fest, welche Kindern vor Erreichen des Vernunftalters von sieben Jahren abgesprochen wurde. In einem solchen Fall würden die Opfer aufgrund der „Notwendigkeit“3 zum Märtyrer gemacht und nicht aufgrund eines Willensaktes. Obwohl sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts niemand nennenswertes mehr für die Förderung des Simon-Kultes einsetzte, wurde das Kind 1584 in das Martyrologium Romanum, also das Verzeichnis aller Heiligen und Seligen der Katholischen Kirche, eingetragen.4

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