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Moderne Rezeption

Der Fall des Simon von Trient ist eine der langlebigsten Ritualmordlegenden. Simon wurde schon im 15. Jahrhundert als Märtyrer verehrt, seine Geschichte reicht aber bis ins 21. Jahrhundert.
Im 19. Jahrhundert beschäftige sich der katholische Pfarrer Joseph Deckert mit den antijüdischen Blutbeschuldigungen. In seinem Werk beruft er sich auf die Trienter Prozessakten, außerdem gibt er Tiberinus und die Historie von Simon von Trient als Quellen an. Seine antisemitische Haltung lässt sich deutlich herauslesen, weshalb er auch von dem Rabbiner Josef Bloch angezeigt wurde. Im 20. Jahrhundert beschäftigt sich der Historiker Hellmut Schramm mit dem Fall, wobei sich er sich hauptsächlich auf Deckert stützte. Schramms Buch liest sich wie eine narrative Hetzschrift und war perfekt für die antisemitische Propaganda des Naziregimes. Obwohl er Deckert als Quelle nutzt, schmückt er einzelne Szenen besonders aus. So fügt er Personen in die Geschichte ein, die zuvor nie erwähnt wurden. Worauf Schramm sich im Einzelnen bezieht ist unklar und lässt sich nicht rekonstruieren.
Auch im 21. Jahrhundert finden sich allerdings Menschen, die an die Legende des Simons glauben und die Jüdinnen und Juden beschuldigen. So stößt man im Internet auf äußerst fragwürdige Seiten, auf denen behauptet wird, dass ‚Ritualmorde‘ auch noch heute praktiziert würden und dass wir in einer jüdischen Verschwörung lebten. Eines der bekanntesten antijüdischen Narrative ist das des Großen Austauschs. Die Verschwörungstheorie geht davon aus, dass es einen geheimen Plan gebe, die weiße Bevölkerung gegen muslimische, jüdische oder nicht-weiße Migrant*innen auszutauschen. Diese Theorie hat viele, häufig gewaltbereite Anhänger*innen, welche unter anderem für mehrere Anschläge auf Synagogen verantwortlich sind. In der kalifornischen Kleinstadt Poway berief sich der Täter in seinem Manifest 2019 auch auf Simon von Trient.